In the year 2087

Gestern und heute – in weiter Ferne so nah. Vor einigen Jahren war ich nach einem beruflichen Meeting auf dem Heimweg. Bonn, München, Hamburg, Frankfurt, Köln, Bremen, Hamm, Lübeck – ich weiß gar nicht mehr genau, in welcher Stadt das war. Aber eine von diesen wird es gewesen sein, weil ich zu jener Zeit dort oft dienstlich unterwegs war.

Jedenfalls führte der Weg zur Straßenbahnstation an einer großen Reklametafel vorbei. Sie zeigte ein Plakat, das den gelben Fahrplänen glich, wie wir sie von jedem Bahnhof kennen. Doch es war keine heitere Fahrt mehr Bus und Bahn-Werbung, auf der scherzhaft Abfahrtzeiten wie 16:30 – Nach Hause – Gleis 1 standen. Vielmehr waren dort Daten zu lesen, zu jenen zwischen 1933 und 1945 vom Bahnhof dieser Stadt aus Transporte in die verschiedenen Konzentrationslager abgingen. Das las sich dann ungefähr so: Weiterlesen

Maschinen stop

Was haben der Indische Ozean und eine Stadt in Norwegen gemeinsam. Beides sind geographische Gegenden, das ist offensichtlich, wenn sie auch deutliche Größenunterschiede aufweisen. Aber noch etwas teilen sie: Sie haben Weiterlesen

Badetag

Tusch! Fanfare!

So beginnt eine der köstlichsten Szenen aus der Verfilmung von Agatha Christies Evil Under The Sun mit Peter Ustinov, und die musikalische Untermalung lässt ahnen, dass jetzt nur etwas ganz Großartiges kommen kann. In der Tat: Weiterlesen

Weihnachtsgedanken

Der Feind zeigte erst nach dem freudig angenommenen Heiratsantrag sein wahres Gesicht, denn er ging geschickt vor. Weiterlesen

Fragen Sie Frau Hannelore!

Gibt’s eigentlich noch diese Rubrik in Illustrierten, wo etwa eine Frau L. aus M. an der R. oder Herr W. aus H. ein Problem schildert, das dann (vermeintlich) von der weisen Frau auf dem Foto neben der etwa „Fragen Sie Frau Hannelore!“ oder „Ihr Kummer, meine Hilfe“ lautenden Überschrift gelöst wird?

Mit knapp zweiundvierzig stecke ich mitten in der Phase, in der Weiterlesen

Die hohe Kunst der Selbstblockade

Genau neun Monate nach dem hohe Wellen schlagenden Coming out von Thomas Hitzlsperger ist anscheinend wieder Ruhe bei bei allen Beteiligten eingekehrt. Business as usual scheint wieder an der Tagesordnung zu sein: Bunte Aktionen bei CSD-Paraden und eher nüchterne Dinge wie Talkshowauftritte der „üblichen Verdächtigen“. Ab und zu erreicht ein Musikvideo etwas mehr Aufmerksamkeit, wird wie geschnitten Brot im Social Network angepriesen und alle weisen darauf hin, wie wichtig das Video sei, man es unbedingt teilen müsse und wie schön es wäre, wenn der im Song angesprochene Tag doch endlich kommen würde. Dazu ganz viele „Likes“ bei Statusmeldungen mit Solidäritätsbekundungen. Dabei bleibt es dann meist auch.

Kürzlich gab es einen Handlungsstrang gegen Homophobie und homophobe Lehrpläne in der ältesten deutschen Daily Soap, doch wo ist das hauptsächlich zu finden gewesen? Auf den Fanseiten der Daily Soap an sich, und ich hab’s in Just Dave’s Blog gefunden. Aber dort, wo sonst auch über diese Sendung gesprochen wird, z. B. auf den Startseiten von eMail-Providern, die sich hauptsächlich über Werbung und Klatsch aus gerade solchen TV-Sendungen finanzieren und wegen ihres Gratiszugangs entsprechend viele Menschen ansprechen, war nichts zu lesen. Selbst wenn man es im Nachhinein per Suchmaschine ausfindig machen will, ist die Ausbeute eher dürftig.

Schade, dass auch die schwule „Gemeinschaft“, die den Schritt von Herrn Hitzlsperger so kontrovers diskutiert und somit das Generalthema eine Zeit lang lebendig gehalten hat, wieder so leise geworden und vielerorts in ihre alten Muster zurückgefallen zu sein scheint. Selbst von der vor fünf Monaten nach ihrem Sieg beim ESC noch als Galionsfigur gefeierten Conchita Wurst wird nicht mehr soviel gesprochen.

Es wird wohl noch eine ganze Weile dauern, bis wir im Zeichen des Regenbogens wirklich so in der Gesellschaft angekommen (nicht assimiliert!) sind, dass wir nur noch auffallen wie das Wappentier der ostfriesischen Nationalflagge*.

Das Problem ist bisweilen hausgemacht: Bereits zum diesjährigen Hafengeburtstag in Hamburg habe ich mich gewundet, warum es eine gesondert abgeteilte Gay-Area geben sollte. Auch zum unlängst zu Ende gegangenen Oktoberfest in München häuften sich in der „Community“ wieder die überschwänglichen Bekundungen, wie sehr man sich auf den reinen Gay-Abend freue.

Rufe nach Akzeptanz, Gleichberechtigung, Integration und Toleranz also hier, genussvoller Verzehr von Extrawürsten aber dort…? Da suche ich die Sinnhaftigkeit und frage mich, was hinter dem Enthusiasmus für rein schwule Areas auf Hafengeburtstag, Oktoberfest und was es sonst noch an großen Volksfesten gibt, steckt. Selbstbetrug? Angst vor der eigenen Chuzpe? Das blinde Auskeilen dessen, der unzufrieden mit sich selbst ist? PartyPartyParty-Egoismus? Oder „nur“ Gedankenlosigkeit?

Eigentlich ist es doch ganz einfach: Verzicht auf die Extrawürste, sich nicht hinter Promiidolen verstecken und rein in die Mitte. Sich sicht- und bemerkbar machen. Ohne großes Trara. So, wie man sich im Zug auf dem nächsten freien Sitzplatz niederlässt. Ein Foto vom Herzallerliebsten auf den Schreibtisch stellem. Kommentarlos, ohne dramatische Gesten. „Ich war mit meinem Mann am Wochenende im Kino“ genau so selbstverständlich sagen, wie der heterosexuelle Kollege „mit meiner Frau“ sagt. Auf ________________ (hier Volksfest nach Wahl einsetzen) mit allen anderen zusammen feiern oder gar nicht.

Der Rückzug in die eigenen Kasten setzt die falschen Signale. Wer nicht wie eine fremde Spezies behandelt werden will, tut sich selbst keinen Gefallen, wenn er sich genau so verhält. Oder?

Doch so einfach ist es scheinbar dann wohl wieder nicht. Denn müsste sich nicht zunächst intern, in der sogenannten „Gemeinschaft“, eine ganze Menge ändern? Etwa die Diskriminierung untereinander? „Bears“ gegen „Boys“, „Jeans & T-Shirt“ gegen „Leder“ und „Fummel“, Bartträger gegen Freunde der gepflegten Rasur, Conchita Wurst-Fans gegen jene, die andere Musik bevorzugen, und so weiter. Selbst die Organisatoren von CSD-Veranstaltungen, denen ja eigentlich gerade an Gemeinsamkeit und Miteinander gelegen sein sollte, sind in einigen Städten so zerstritten, dass es Konkurrenzveranstaltungen gibt.

Man sitzt im selben Boot, doch jeder rudert in eine andere Richtung? Es ist erschreckend, mit welcher Feindseligkeit die einzelnen Gruppen sich bisweilen gegenüberstehen. Die eine gönnt der anderen kaum das Schwarze unter den Fingernägeln oder den Lack darauf. Dagegen wirkt der aktuelle Konflikt Deutsche Bahn gegen GdL (die auch grade dabei ist, sich selbst das Wasser abzugraben, wie Spiegel Online sehr treffend feststellt) wie ein gemütliches Kaffeekränzchen.

In meinem Bekanntenkreis gibt es ein Paar, dem ich für die Erlaubnis danke, folgende Begebenheit wiedergeben zu dürfen. Die beiden – nennen wir sie Butch und Sundance – sind äußerlich zwei völlig verschiedene Typen: Butch ist über Fünfzig, etwas bullig, gut behaart, also ein „Bär“ nach Definition der „Gemeinschaft“. Sundance ist Mitte Zwanzig, schlank, athletisch und rasiert sich neben dem Kinn auch Brust und Beine – ein so genannter Twink. Vor einiger Zeit war Butch bei einem alten Freund zum Geburtstag eingeladen. Er ist gebeten worden, Sundance nicht mitzubringen. Nicht, weil Sundance schlechte Manieren hat. Nicht, weil Sundance beim letzten Besuch einen Silberlöffel hat mitgehen lassen. Nicht, weil Sundance ein Charakterschwein sein könnte. Sondern einfach, weil Sundance kein „Bär ist, und das passt einfach nicht zu der Runde, die ich mir wünsche.“

O-haue-ha, da liegt noch ein langer Weg vor uns, und das hat ausnahmsweise mal wenig bis gar nix mit homophoben Spinnern zu tun.


* Wer den Kalauer nicht kennt: Weißer Adler auf weißem Grund.

Sonntagszwischenruf

hamburg-collage-blog2

Heute: Volksentscheid in Hamburg

Liebe Freunde und Leser in Hamburg,

heute besteht in den dazu eingeladenen Quartieren letztmals die Möglichkeit, bei einem Bürgerentscheid für oder (hoffentlich) gegen eine die Elbe überspannende Seilbahn zu stimmen. Dazu möchte ich euch noch einmal meinen

Blogeintrag „Killarney, Hamburg und das große Geld“

ans Herz legen (Klick auf den Link führt dorthin).

Bitte trefft eine kluge Entscheidung für eure Stadt, eure gemeinsame Geschichte, für das, was von der historischen Stadtansicht noch übrig ist und nicht durch Elbphilharmonie und Tanzende Türme korrumpiert wurde, und trefft sie für eure (Mit)Bürger. Nicht für den schnellen Tourismus- und Investorendollar.

Alles Gute, Hamburg!!!

Killarney, Hamburg und das große Geld

Die Sterne am Himmel, ein Paar blauer irischer Augen, das liebevolle Seufzen einer Mutter, die Natur, ein echtes Shamrock und den Blarney Stein – wenn man das alles kaufen kann, so besagt ein altes Lied, dann kann man auch das irische Städtchen Killarney kaufen.

Mir scheint, derzeit stürzen sich all jene, die an Killarney gescheitert sind, auf Hamburg. Es war über Jahrhunderte das Drama von Hamburg, dass der Senat ausschließlich mit Kaufleuten besetzt war, die bei allen politischen Entscheidungen nur das eigene und das wirtschaftliche Wohl der Stadt im Sinn hatten. Was darüber hinausging, wurde mit Desinteresse betrachtet. Das bedeutete mangelndes Geschick in allen anderen politischen Belangen, was Hamburg viele Opfer abverlangte. Vor allem beim Volk, das aufgrund dieser völligen Indolenz der Würdenträger in Hamburgs größten Blütezeiten immer auf der falschen Seite gestanden und alles andere als profitiert hat, was u. a. in der Choleraepidemie von 1892 gipfelte.

Was hat sich geändert? Polemisch betrachtet scheinbar nur dieses: Der Senat besteht nicht aus Kaufleuten, sondern aus Berufspolitikern und es gibt keine Cholera. Ansonsten wird weiter hauptsächlich dem Mammon gedient: Statt Dinge wie den Ausbau des U-Bahn-Netzes in sinnvoller Weise voranzutreiben, wird bei den Buslinien geflickschustert mit Maßnahmen, die nach wenigen Monaten wegen ihrer Sinnlosigkeit wieder rückgängig gemacht werden müssen oder das soziale Gefüge eines Quartiers nachhaltig verändern. Förderung von erschwinglichem Wohnraum für Otto und Ottilie Normalverbraucher? Fehlanzeige.

Hinzukommt die Gentrifizierung, ergänzt durch ein neues Wort: Disneyfizierung. Die alten Kieze auf St. Georg und vor allem auf St. Pauli werden durch Anzugträger von außerhalb überschwemmt, die die Stadt Hamburg allgemein und die Bevölkerung auf den Kiezen im Besonderen nicht einmal ansatzweise begriffen haben. Mit nichts als Dollarzeichen in den Augen werden historische Stadtbilder sowie über Jahrzehnte gewachsene Sozialstrukturen zunächst beschädigt und dann regelrecht vernichtet. Esso-Häuser ist nur eines der Stichworte. Die Tanzenden Türme ein anders. Dieser Glasmonolith passt in seiner Künstlichkeit bestens die HafenCity, aber partout nicht in das natürlich gewachsene St. Pauli. Gerade dieses Quartier wird vom Kiez, auf dem es auch mal nicht so schöne Anblicke gibt wie Stricher, die es ihrem Freier für ’nen Fünfziger extra auch mal ohne Gummi besorgen, zum garantiert jugendfreien Disneyland. Die Stadt verliert allmählich eine der wichtigsten Säulen ihrer Identität, und an anderen wie Eppendorf/Eimsbüttel/Harvestehude/Hoheluft (wertvolle Altbausubstanz, die Geschichte(n) erzählt, weicht seelenlosen Glaskästen, die obendrein wegen exorbitanter Immobilienpreise alteingesessene Bewohner entwurzeln) wird ebenso munter gesägt. Selbst die altehrwürdigen Kaufmannsvillen auf der Elbchaussee sind nicht mehr sicher davor, abgerissen und durch moderne Glaswürfel zu werden. Immer wieder hört man Nachrichten aus dem ganzen Stadtgebiet, dass einem historischen Gebäude mal wieder der Denkmalschutz entzogen wurde oder dass es in Kürze geschehen wird. Es ist erschreckend und einer so geschichtsträchtigen Stadt nicht würdig, wie leicht das zu sein geworden scheint.

All das geschieht, um noch mehr Touristen, noch mehr Unternehmen von außerhalb und vor allem noch mehr Geld in die Stadt zu holen. Einen Standort im Weltwirtschaftsgeschehen konkurrenzfähig halten zu wollen ist gewiss keine falsche Absicht, aber muss das zu Lasten der Identität, der Eigenlogik, der Eigendynamik dieses Standorts gehen? Muss man eine Stadt zum künstlichen Vergnügungspark umfunktionieren, in dem sich selbst Einheimische wie Gäste fühlen müssen?

Die neueste Idee der Disneyfizierer ist eine Seilbahn quer durch den Hafen. Das ganze wird manchmal als Verkehrsmittel zur schnellen Querung der Elbe verkauft, doch die Scheinheiligkeit dessen ist offensichtlich. Denn mal ganz ehrlich, wenn ich nur zu den beiden Musical-Theatern will, kann ich auch die extra dafür bereitgestellten Hafenfähren nehmen oder kann durch den alten Elbtunnel laufen.

Man stelle sich also nun dieses wunderbare Panorama vor wie hier im Bild vor, das künftig von einem Drahtseil durchschnitten wird, an dem immer wieder Gondeln mit gaffenden Menschen durchs Bild schweben. Wer wird davon hauptsächlich profitieren? Die Touristen und die Macher. Und die Lokalpolitik springt rollig drauf an wie eine notgeile Katze auf Baldrian. Kein Wort davon, wie es der Bevölkerung damit geht, wie die (ohnehin schon durch Elbphilharmonie & Co. eingeschränkten) historischen Sichtachsen auf die Stadt immer weiter ruiniert werden. Kein Wort von den täglichen Beeinträchtigungen für die direkte Nachbarschaft der Pylone und Stationen, wenn dort bis mitten in der Nacht der Antrieb röhrt. Hauptsache Geld.

Doch zum Glück regt sich Widerstand. Prominente Stimmen der Stadt erheben sich gegen die Seilbahn und ziehen die Bevölkerung mit. Man ist es satt, dass ständig über den Kopf der Betroffenen hinweg entschieden wird. In den direkt von der Seilbahn betroffenen Stadtteile (durch Infrastruktur, Touristenaufkommen etc.) ist daher u. a. eine Bürgerabstimmung im Gange, deren Ergebnis bindend sein wird. Dazu gehört auch St. Pauli. Dort ist man durch das Drama um die Esso-Häuser entsprechend sensibilisiert, und ich glaube, dadurch bestehen gute Chancen, den hypergentrifizierenden und disneyfizierenden Geldsäcken von außerhalb, die – ich wiederhole es gerne noch mal – Hamburg einfach nicht begriffen haben, klarzumachen, dass man nicht nur Killarney nicht kaufen kann. Auch bei Hamburg ist irgendwann Schluss.

Alt und gefährlich

Seit gestern ist sie also auf ihrer wirklich letzten Reise – die Costa Concordia ist unterwegs zum Abwracker in Genua. In diversen Medienberichten war zu erfahren, dass es fast zwei Jahre dauern wird, bis von dem Unglücksschiff nichts mehr übrig ist. Zwei Jahre für knapp 115.000 Tonnen. Und das ist eine Zeit, die Experten einer Industrienation benötigen werden.

Das macht mich nachdenklich. Denn so immens die Costa Concordia (noch) ist – das größte Schiff auf dem Kreuzfahrtmarkt war sie nicht. Der aktuell größte Vergnügungsdampfer bringt gut 225.000 Tonnen auf die Waage, also schlappe 110.000 Tonnen mehr, und es gibt eine ganz eine ganze Reihe von Schiffen, die zwischen diesen beiden Maßen angesiedelt sind. Nach oben wird in Zukunft sicherlich auch noch Luft sein.

Wir reden und hören soviel über Kreuzfahrtschiffe als Dreckschleudern was ihre Abgase betrifft. Das will ich gar nicht kleinreden, doch das ist ein Jetzt-Problem, mir geht es aber im Moment um eine weiter entfernt liegende Zukunft.

Jedes Schiff ist irgendwann reif für das, was jetzt der Costa Concordia blüht. Einfach aus Altersgründen. Doch viele von den Giganten der Meere werden nicht von technisch hochausgerüsteten Profis mit aller Sorgfalt und unter Berücksichtigung aller möglichen Sicherheitsvorkehrungen zerlegt. Sie landen auf Schiffsfriedhöfen, etwa wie dem berühmtesten in Alang/Indien, der allerdings nicht der einzige seiner Art ist:

Das Schiff wird mit gerade noch soviel Diesel im Tank, wie benötigt wird, Bug voraus auf den Strand des Schifffriedhofs gerichtet. Dann werden die Maschinen ein letztes Mal auf Volle Kraft voraus hochgejagt und das Schiff rast soweit es möglich ist, den Strand hinauf, seinem sicheren Ende entgegen. Es gibt zahlreiche Berichte bei allen seriösen Nachrichtenportalen aber auch YouTube-Videos, die zeigen, was dann passiert: Einfache Menschen ohne Schutzkleidung und andere Sicherung gegen Gefahren (z. B. Atemmasken), dafür in ganz normalen Kleidungsstücken, die nackten Füße teilweise nur in Badelatschen, nehmen diese Schiffe dann mit einfachsten Werkzeugen auseinander. Sie sind Giftstoffen, herabstürzenden Teilen, herausragenden scharfen Teilen nahezu schutzlos ausgeliefert, und das für einen Hungerlohn. Gibt es dabei Tote? Und was passiert mit Giftstoffen u. ä. aus den Schiffen – wie werden sie entsorgt? Danach fragt dort kaum jemand. Dafür ist das Abwracken eines Schiffes dort viel billiger als auf einer professionellen Werft in unserer so genannten Ersten Welt.

Die Schiffe, die jetzt ins abwrackfähige Alter kommen, stammen noch aus einer anderen Generation und sind fast durchweg kleiner als die Costa Concordia, teilweise weit unter 100.000 Tonnen schwer. Doch wie wird das in zwanzig, dreißig, vierzig Jahren sein, wenn die neuen Riesenpötte von jetzt in Alang landen?

Als Schiffsliebhaber bin ich nicht gegen neue Schiffe, auch nicht gegen große. Aber ich bin dagegen, wenn Schiffe ihrem Ende so entgegengehen wie in Alang. Da muss sich was tun. Für die Umwelt, aber auch für die Menschen, die diese Arbeit übernehmen. Vielleicht könnte es eine Art „Abwracksparbuch“ für jedes Schiff geben, das von jedem Reeder, in dessen Besitz sich ein Schiff während seines ganzen Lebens befindet, bespart werden muss. Davon könnte dann eine sachgemäße Abwrackung finanziert werden. Das würde natürlich zu höheren Preisen bei Kreuzfahrten (bzw. bei den Waren, die per Frachschiff transportiert werden) führen. Aber das sollte es uns wert sein.

Gillianennis

Schon Grethe Weiser wusste: Wenn man Kamin nicht Kamin ausspricht, sondern mit leicht französischem Näseln Camahng sagt, klingt das Ganze gleich viel schicker und internationaler. Weiser durch Grethe!

Kreativität mit Sprache ist wunderbar – wenn es mir nicht so ginge, würde ich nicht selber mit Worten arbeiten. Aber manche Kreationen sind schlimmer als Opas Diaabend zum Schwarzwaldurlaub. Wir alle kennen die bekannten Beispiele, wie’s auf gar keinen Fall laufen sollte – Public Viewing als neues deutsches Gemeinschaftserlebnis. Nichts hebt die Stimmung mehr als eine öffentliche Leichenschau mit hunderten begeisterten Fans! „Gebt mir ein L! Gebt mir ein E! Gebt mir ein I! Gebt mir ein C! Gebt mir ein H! Gebt mir ein E! LEICHE! Go, Leiche Go!!!“

Weniger oder (meist) mehr verunglückte Wortspiele allerorten, weil die Nation zeigen will, wie hip ihr Sprachumgang ist. Dabei führt diese Inflation mitunter nur dazu, dass selbst der Umgang mit normalen Worten ganz furchtbar schiefgeht.

Gestern war ich im Lebensmittelmarkt meines Vertrauens und bekam mit, wie eine junge Kundin Marke „Karrieregirl mit zuviel Make up für zu wenig Gesicht – versteckt unter der Brille der Stubenfliege Puck“ nach Gillianennis (sprich:  „Tschilliänännis“) fragte. Die Miene des Supermarktmitarbeiters verformte sich zu einem gigantischen Fragezeichen. Was konnte Gillianennis nur sein? Ein Putzmittel? Ein Nerventonikum? Eine englische Käsesorte? Ein irischer Whisky? So klär mich doch auf, Frollein!

Die Kundin dirigierte ihn in die Süßwarenabteilung, wo sie nach einigem Suchen selber fündig wurde. In ihrem Einkaufswagen landete ein Päckchen… Gelee Ananas.

 

 


Hinweis: Die Titelgraphik dieses Beitrags stammt aus dem Pool frei verwendbarer Bilder von Pixabay und befindet sich unter dem Vermerk CC0 der Creative Commons in der Public Domain.

Think negative???

Gelegentlich stößt man im Web, vor allem in Social Networks, immer wieder auf eine Collage mit Szenenfotos aus der Sitcom The Big Bang Theory. Ich bin nicht wirklich Fan dieser Serie, doch wenn ich zufällig mal über eine Episode stolpere und dabei hängen bleibe, finde ich sie durchaus amüsant.

Bei The Big Bang Theory geht es um die WG der Wissenschaftler Leonard und Sheldon, deren streberhafte, vollkommen auf Logik und hauptsächlich auf ihre Arbeit bzw. ihre beinahe manisch ausgelebten Hobbies (StarTrek etc.) fixierte Lebensart in ständigem Zweikampf mit der „normalen“ Welt steht, die hauptsächlich von ihrer sozialkompetenten, mit gesundem Menschenverstand, vor allem aber mit Herz und Gefühl ausgestatteten Nachbarin Penny verkörpert wird und die den beiden Jungs durch die Tücken eben jener „normalen“ Welt hilft. My fair Lads statt My fair Lady, sozusagen.

Wie gesagt: Es handelt sich um eine Sitcom, pure Unterhaltung also. Besagte Collage sieht das hingegen anders. Der Begleittext zu den Fotos behauptet, diese Serie sei subventionierte Propaganda (ob vom Staat oder von großen Unternehmen – Soylent Green lässt grüßen – bleibt auffällig nebulös), über welche die Fans der Serie manipuliert werden sollen, sich mit den Hauptcharakteren zu identifizieren, ihnen nachzueifern und dabei jegliche menschliche Regung wie Empathie zugunsten von kalter Logik abzulegen und in harten wissenschaftlichen Fakten die einzig wahre Lösung aller Probleme zu sehen. Und das Ganze ist nicht etwa als Satire gemeint – es ist den Urhebern vollkommen ernst.

Sitcoms sind also subliminal verabreichte Propaganda, ja sogar Gehirnwäsche.

Aha.

Na, dann möchte ich mal wissen, von welch‘ düst’rer Vereinigung meine persönlichen TV-Lieblinge Mrs Brown’s Boys beeinflusst sind…

Stop, lieber doch nicht.

Müssen wir denn wirklich hinter allem und jedem eine böse Absicht, eine gar fürchterlüche Verschwörung, einen gemeinen Plan des Bösen vermuten? Sollen… nein, wollen wir wirklich alle zu Zynikern werden, die einem Kind das Lebkuchenherz vom Weihnachtsmarkt wegnehmen und zertreten, um ihm frühzeitig zu zeigen, dass es besser ist, die negativen Seiten der Welt hervorzuheben statt jenen, die wirklich gut sind?

Nicht mit mir. Ich weigere mich, soviel Negativität in mein Leben zu lassen.

Eine Sitcom ist eine Sitcom ist eine Sitcom.

Basta.

Rechte, Pflichten, Provokationen und Glückwünsche

Rainbowflag_neuDer Roman Bingo von Rita Mae Brown aus der Trilogie um die Hunsenmeir-Schwestern Julia und Louise ist zwar schon beinahe dreißig Jahre alt, aber einige seiner gesellschaftspolitischen Bezüge bieten heute noch genauso spannenden Diskussionsstoff wie 1987. So schreibt sie sinngemäß:

Ein Coming out ist keine Frage der Freiheit, sondern der sozialen Verantwortung, quasi eine Pflicht. Unsere Gesellschaft beschäftigt sich nur mit der Romantik des Paarens, vergisst darüber aber, dass es letzten Endes und vor allem vorrangig ein Mechanismus der Natur zur Erhaltung der Spezies Mensch ist. Homosexuelle, die in heterosexuelle Ehen gedrängt werden, werden unfreiwillig zu Knüppeln zwischen den Beinen der Gesellschaft, weil sie so weder zur Spezieserhaltung beitragen noch andere Aufgaben erfüllen können, welche die heterosexuellen Paare entlasten, so dass diese sich der Aufgabe der Spezieserhaltung widmen können. Was sich hinter den Schlafzimmertüren abspielt, geht keinen was an. Aber was die Zusammenhänge anbetrifft, ist vollkommene Offenheit unabdingbar. Wir müssen wissen, wer für welche Aufgabe zur Verfügung steht. Es liegt also im Interesse aller, Homosexuellen das Coming Out so leicht wie möglich machen. Nur mit vollständiger Information kann unsere Gesellschaft funktionieren und unsere Spezies erhalten werden.

Spannende These, zu der ich auch nach 27 Jahren noch keine abschließende Antwort für mich gefunden habe. Provokant ist sie auf jeden Fall, ganz besonders, wenn man sie in Zusammenhang mit dem sieht, was gerade in Großbritannien geschehen ist – dort dürfen seit diesem Wochenende Homosexuelle heiraten. Also… richtig heiraten. So mit allem Drum und Dran. Eine echte Ehe. Ohne „Ja, aber…“ – kein ein halbherziges Mehr Pflichten als Rechte und daher weiterhin diskriminierend wie im Mittelalter-Gesetzesgefüge, wie es uns die deutsche Rechtsprechung in ihrer scheinbar unüberwindbaren Gestrigkeit zugesteht.

Ist da auf der Insel tatsächlich das Wunder (zu dem sich auch Hans-Georg Gedanken gemacht hat) geschehen, gesetzliche Rechte und Pflichten (ob man hier der moralischen These von Frau Brown zustimmen kann und will, sei jedem selbst überlassen) wirklich ausgeglichen unter einen Hut zu bringen? Ich glaube, ja. Man muss jetzt wirklich ganz genau überlegen, ob man Großbritannien wirklich noch als das eigenbrödlerische und manchmal hinterwäldlerisch denkende Land belächeln darf, wie man es sonst gerne tut.

„Wenn die Liebe von Menhschen durch das Gesetz entzweit wird, dann ist es das Gesetz, das geändert werden muss“, sagte David Cameron. Grüße nach Berlin – ich glaube, ihr seid mit diesem Wochenende noch weiter zurückgefallen, was Menschenrechte betrifft, als es ohnehin schon der Fall ist…

Und ehe ich es vergesse – meine allerherzlichsten Glückwünsche an alle frischgebackenen Ehepaare in merry old England!

Zeitenwende

Soziale Kälte. Manchmal erlebt man sie am eigenen Leib oder wird sogar gezwungen, unfreiwillig zu ihrem Handlanger zu werden.

Es wurde wieder mal Zeit, eine Kiste mit Büchern und ähnlichem nach altbewährtem Muster vor die Tür zu stellen. Nach einer Viertelstunde war die Kiste halb leer. Nach einer halben Stunde klingelte ein Mitarbeiter unserer Wohnungsbaugesellschaft und verlangte sowohl die Entfernung der Kiste und verbot künftige Spenden nach diesem Muster.

Aus die Maus nach sechzehn Jahren, weil unsere angeblich gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft nicht mehr wünscht, dass ihre Mieter sich sozial verhalten und das, was sie zuviel haben, mit denen teilen, die nicht so viel haben. Wieder ist die Stadt ein Stück kälter geworden.

„Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.“ (Max Liebermann)