Throwback Thursday: Bücher des Jahres 2014

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Das Jahr neigt sich dem Ende zu, und schon jetzt, so kurz vor dem 1. Advent, ist in vielen Bereichen der angenehmen Seiten des Lebens nicht mehr damit zu rechnen, dass sich noch etwas weltbewegendes Neues tut. Also kann man eigentlich schon mit den Jahresrückblicken beginnen. An den kommenden Throwback Thursdays bis Weihnachten gibt’s daher hier im Wortgepüttscher jeweils Jahreshighlights 2014 zu bestimmten Themenschwerpunkten.

Den Anfang machen – wie könnte es anders sein – Bücher. Dabei berücksichtige ich übrigens nicht, ob ein Buch in diesem Jahr brandneu erschienen ist. Es kann auch ein ganz olle Kamelle sein, die mir lediglich erst in diesem Jahr zum ersten Mal in diesem Jahr über den Weg lief.

Genug Vorgeplänkel, los geht’s: Weiterlesen

Feuer und Pflaume

Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich die Wirksamkeit von Rauchmeldern gepriesen habe. Ihr Geräusch geht einem ja auch wirklich durch und durch. Man ist sofort aufmerksam.

Gestern Abend zum Beispiel. Da saß ich in meiner kuscheligen Leseecke, als es auf einmal ertönte: Fiep-fiep-fiep-fiep…

Das Buch flog in die Ecke, ich sprang auf und stürzte zu meinem Gemahl ins Wohnzimmer: „Schatz, hier brennt’s irgendwo!“

„Ach, ja?“ Er zuckte nur desinteressiert mit den Schultern. Nach einem Blick auf den Fernseher wurde mir auch klar, warum:

Zwar hatte ich beim Lesen vage im Hintergrund mitbekommen, dass der Fernseher lief, doch mir war entgangen, dass mein Mann den Tatort als stinklangweilig empfunden (Wie jede Woche eigentlich – ich weiß gar nicht warum er das überhaupt immer noch einschaltet, aber das ist eine andere Geschichte) und auf das Dalli Dalli-Revival mit Kai Pflaume umgeschaltet hatte. Das Fiep-fiep-fiep-fiep war nur das Signal des Publikums gewesen, die Kandidatenleistung als „Spitze!“ empfunden zu haben.

Mit hochrotem Kopf kehrte ich zu meinem Buch zurück, während mein Mann sich kaputtlachte.

Häppchenweise

Moin!

Zum Start ins Wochenende wieder ein paar Häppchen aus dieser verrückten Sache, die sich Leben nennt.

Nerv-Happen

Die neue Radio-Reklame für Black Forest Mineralwasser mit der plumpen Forrest Gump-Anleihe ist so penetrant nervtötend, dass man sich schon fast freuen würde, wenn stattdessen Seitenbacher käme…

Zitat-Happen

Ich will nicht sagen, dass ich viel Kaffee trinke, aber kolumbianische Bauern haben ein Foto von mir im Portemonnaie. (aus dem Web)

Schreckens-Happen

Aufdruck auf der Tee-Schachtel: „…mit sprudelnd kochendem Wasser aufgießen und mindestens 8 Minuten ziehen lassen! Nur so erhalten Sie ein sicheres Lebensmittel!“ Langsam traut man sich ja gar nicht mehr, noch irgendetwas zu essen oder zu trinken. Was passiert, wenn ich den Beutel schon nach 7 1/2 rausnehme? Kommt dann die leichte Note von Schierling, Belladonna und Fingerhut durch, oder was? Man kann es mit den Warnhinweisen auch übertreiben!

Literatur-Happen

Schon seit einer Woche geplant, aber erst heute Gelegenheit dazu, es umzusetzen (die Autobiographie von Dame Vera Lynn hatte sich noch dazwischengemogelt): Beginn der kompletten DCI Banks-Serie von Peter Robinson, Roman 1 von insgesamt 22. Ich mag diesen Schnüffler einfach. Spannende, abwechslungsreiche Plots und eine glaubhafte Entwicklung über die Jahre beim Hauptcharakter sowie ein wechselndes Ensemble von Nebencharakteren, die dem natürlichen Lauf von Beförderungen und sich wandelnden Lebensplänen folgend in der Serie auftauchen und wieder verschwinden. Für mich aus Laiensicht die glaubwürdigste Darstellung von Polizeiarbeit in den Yorkshire Dales.

Musik-Happen

Heute gibt’s mal wieder einen Vinylabend auf dem Fußboden vor Schwiegeropas alter Musiktruhe, natürlich mit ’nem Gläschen Wein. Auf dem Programm: Jazz-EPs von Count Basie über Ella Fitzgerald und Satchmo bis Caterina Valente. Vielleicht werde ich auch noch ein paar Schellacks von Billie Holiday und Glenn Miller spielen.

Freuden-Happen

Seit sage und schreibe sechs Wochen blüht unsere Orchidee Horst-Kevin (bei uns haben alle Blumen Namen) und denkt gar nicht damit aufzuhören.

Glücks-Happen

Spinnen bringen bekanntlich Glück, und darum wird bei uns nie eine beseitigt, allenfalls umgesiedelt. Aber Thekla (man kennt ja seine Biene Maja) hat den ganzen Sommer über so schön die Wespen aus unserer Küche gehalten, dass sie ihr Single-Apartment vor unserem Fenster behalten darf. Und beide Seiten sind glücklich.

Futter-Happen

Rohe Kohlrabi auf frisch gebackenem Brot zum Abendessen. Ik frei mi nu schon…

Foto-Happen

Ausbesserungsarbeiten an der Queen Mary 2. Es gibt Jobs, die man nicht unbedingt selber ausüben möchte…

Schönes Wochenende!

Fünf kleine Schweinchen

Es gibt Bücher, die kann man wieder und wieder lesen, weil sie einen, obwohl man die Story inzwischen beinahe auswendig kennt, jedesmal aufs Neue begeistern. Bei mir ist das u. a. Five Little Pigs (deutsch: Das unvollendete Bildnis) von Agatha Christie.

Worum geht’s? Carla Lemarchant bittet Hercule Poirot um Hilfe: Ihre Mutter Caroline wurde, als Carla noch ein Kleinkind war, wegen Mord an ihrem Mann Amyas schuldig gesprochen und starb bald darauf im Gefängnis. Ein Brief, den Carla zur Volljährigkeit erhält, lässt diese an der Schuld zweifeln. Poirot soll alles daran setzen, diese Zweifel zu beseitigen und definitiv beweisen, ob Caroline nun schuldig oder nicht schuldig war, damit Carla die Sache für sich abschließen kann. Doch wie klärt man einen fast zwanzig Jahre alten Mord auf, der bereits als aufgeklärt gilt? Die vermeintliche Täterin ist tot, alle Asservate vernichtet. Poirot bleibt nur, die fünf Zeugen von damals zu befragen.

Was macht den Reiz dieses Buchs aus? Der Mordfall an sich mag konventionell sein: Der untreue Ehemann, zwei rivalisierende Frauen, die Freunde und Familienmitglieder zwischen allen Stühlen. Man kennt das. Aber die Umsetzung hat es in sich: Agatha Christie lässt Poirot die Hinweise über nichts als Worte zukommen. Keine umgeknickten Grashalme, kein Zigarettenstummel am Boden, und Worte können bestenfalls ungenaue Erinnerungen, schlimmstenfalls faustdicke Lügen sein. Zunächst befragt Poirot die fünf Zeugen persönlich, anschließend lässt er sich schriftliche Aussagen anfertigen. Das heißt, als Leser bekommt man 2x fünf Mal, also insgesamt zehn Mal die Mordumstände beschrieben, doch es wird zu keiner Zeit langweilig. Agatha Christie ist es gelungen, fünf sehr differenzierte Figuren zu zeichnen, die über individuelle Ausdrucksweisen, Meinungen, eigene Geheimnisse und vor allem über ihre ganz eigene Interpretation der Ereignisse zunächst einmal mehr Widersprüche schaffen als sie beseitigen können. Das Dénouement dürfte für den, der Five Little Pigs erstmals liest, eine Riesenüberraschung sein und ihm dennoch ein „Klar, es kann gar nicht anders gewesen ein“ entlocken. Ein echtes Lehrstück zum Thema „Variationen (und Interpretationsmöglichkeiten) desselben Themas“.

Doch noch etwas anderes macht Five Little Pigs für mich so mitreißend: Für das Anwesen der Familie Crale stand Agatha Christies eigener Landsitz (externer Link) Greenway in Dittisham am Dart in der Grafschaft Devon Pate. Die Atmosphäre und besondere Geographie von Greenway mit dem Haupthaus, dem Fußpfad von dorthin zum Aussichtspunkt mit Blick auf den Dart (wo der Mord geschieht), dem Gewächshaus, der Flora & Fauna und einigen anderen Details hat sie so stimmungsvoll eingefangen und eingewoben, dass der Ort der Handlung so lebendig vor meinem innneren Auge entstanden ist, wie es kaum ein anderer Schriftsteller bei mir je geschafft hat. Und als ich viele Jahre nach dem ersten Lesen erstmals Fotos von Greenway gesehen habe, gab es da einen riesigen „Wow!“-Effekt, denn die Bilder deckten sich genau mit denen meines Kopfkinos. Seitdem steht Greenway (das von der britischen Denkmalbehörde National Trust übrigens auf dem Einrichtungstand jener Zeit gehalten wird, als Agatha Christie dort gewohnt und Five Little Pigs geschrieben hat) auf meiner ganz persönlichen 1,000 Places to see before I die-Liste.