Weihnachtsgeld

„Guten Morgen, der Herr! Ich sehe, Sie sind Brillenträger! Darf ich Sie vielleicht mit unserem neuen Brillenreiniger Glotzenglanz bekannt machen?“

Eigentlich sollte ich stumm vorbeigehen, aber die preußische Erziehung verbietet das. Also grüße ich, lehne höflich dankend ab und stelle mich auf das Unvermeidliche ein: Prompt prasselt ein Schwall wohlgedrechselter und perfekt auswendig gelernter Phrasen auf mich ein, mit denen der Propagandist (ich weiß, dieser Job trägt heute einen klangvolleren, wichtigeren und natürlich englischen Namen, vermutlich sowas wie „Crap-That-Nobody-Needs Sales Manager“, aber ich habe nun mal ein Faible für diese altmodischen Vokabeln) mich davon zu überzeugen versucht, dass nur sein Produkt meine Brille sauber hält.

Ich bedanke mich für die Information, lehne noch einmal dankend ab und will weitergehen. Doch dieser Mr. Brillenrein denkt gar nicht daran, mich in Ruhe zu lassen, versucht sogar, mich am Arm festzuhalten. Da werde ich doch langsam füünsch: Weiterlesen

Ich wär‘ dann soweit

„Ich zähle täglich meine Sorgen“, sang Peter Alexander vor fast sechzig Jahren. Ob man die wirklich unbedingt zählen sollte, wage ich in Frage zu stellen. Je nach Aufkommen könnte das irgendwann doch ein bisschen zu belastend sein.

Trotzdem zähle ich ständig irgendwas. Beim Ausräumen von der Spülmaschine in den Schrank zähle ich Geschirr und Besteck. Ich zähle die Wäschestücke, die ich in die Waschmaschine packe. Ich zähle die Pfähle eines Zauns, an dem ich auf irgendeinem Weg vorbeigehe.

Woher das kommt? Weiterlesen

Stornierte Reise

Von den Amsterdamse Grachten sang Wim Sonneveld, Louis Davids erzählte gemeinsam mit Johnny Jordaan und Tante Leen vom Leben Bij ons in de Jordaan, seine Schwester Henriette „Heintje“ Davids (die so oft auf ihre „wirklich allerletzte Tournee“ ging und dann doch wieder ein Comeback startete, dass man ein ganzes Phänomen nach ihr benannte) trällerte von einer Draaiorgel (Drehorgel), und natürlich sollen die von Mieke Telkamp besungenen Tulpen uit Amsterdam nicht vergessen werden.

Es gibt so einiges an Liedern über die ganze Stadt Amsterdam oder ihre Viertel wie den Jordaan und ihre Sehenswürdigkeiten wie die Drehorgeln. Andere Ortschaften haben es da deutlich schwerer, auch nur mit einer einzigen Hymne geehrt zu werden. Weiterlesen

Der wichtigste Tag des Jahres

Moin!

Vielleicht ist es einigen aufgefallen: Ich bin mit dem Bloggen ein bisschen aus dem Takt geraten. Laut meinem Rhythmus „Alle drei Tage was Neues“ hätte am vergangenen Donnerstag eben genau das kommen müssen: etwas Neues.

Aber mir war wirklich nicht danach, weil ich im Moment ziemlich marode bin. Kinners, ich sage euch eins: Du merkst, dass du älter wirst, wenn sich dein Körper nicht mehr nur mit Erkältungssymptomen zufriedengibt, sobald du dich verkühlt hast – nein, jetzt haut er dir auch noch eine Verspannung rein, als hättest du Hexenschuss nur im Nacken.

Das wird mich aber nicht davon abhalten, gleich vor die Tür zu gehen – dazu ist der Tag heute zu wichtig.

In einer guten Viertelstunde öffnen die Wahllokale, und selbstverständlich werde ich wählen gehen. Natürlich hätte ich auch auf den letzten Metern noch rasch Briefwahl beantragen können. Aber ich habe es schon einmal an anderer Stelle geschrieben, und ich bleibe unbeirrt dabei: In Zeiten, in denen so viele Menschen von dem wichtigen Geschenk der demokratischen Wahl keinen Gebrauch machen oder es gar mit Füßen treten, indem sie ihre Stimmen den rechten Parteien geben, werde ich den Teufel tun und wegen ein bisschen steifem Nacken, jeder Menge Rotznase und einer aktuellen körperlichen Durchschnittstemperatur von 37,8° zuhause zu bleiben. Ich will für alle Welt sichtbar von meinem Wahlrecht Gebrauch machen, und wenn man mich dorthin tragen muss oder ich auf den Brustwarzen ins Wahllokal krabbele.

Ich werde wählen.

Und definitiv keine von den rechten Parteien!

Denn ich möchte, dass unser Land trotz aller Probleme und allem was quer läuft eine bunte und lebendige Demokratie bleibt, in der ich frei und vielfältig leben kann – etwas, das die rechten Parteien, von denen es leider viel zu viele gibt, nicht im Sinn haben.

Außerdem hat mein britischer Großvater in den Kriegswirren, besonders in den letzte Monaten ’44/’45, bestimmt nicht alles gegeben, um Deutschland von der braunen Scheiße zu befreien, nur damit ich ihm jetzt auf diese Leistung draufspucke.

Wir alle haben eine große Verantwortung heute, im Hinblick auf unsere Zukunft, aber auch aufgrund unserer Vergangenheit. Wer meint, diese Vergangenheit vergessen zu können, müssen oder gar dürften, hat nicht alle Latten am Zaun, so einfach ist das. Erinnern wir uns an den wichtigen Satz, den die Journalistin Anja Reschke schon vor über zweieinhalb Jahren gesagt hat: „Dieser Teil unserer Geschichte ist in seiner Abartigkeit so einzigartig, dass er gar nicht vergessen werden kann.“ 

Dieser Verantwortung müssen wir uns bewusst sein. Ewigkeiten haben wir unsere Eltern, Großeltern und manchmal sogar auch noch Urgroßeltern gefragt, wie das ’33 passieren konnte, und wir haben ihnen vorgeworfen, es nicht anders gemacht zu haben. Wir können es heute anders machen.

Darum gibt es keinen Grund, heute nicht wählen zu gehen und es gibt erst recht keinen einizgen Grund, den rechten Parteien  auch nur eine einzige Stimme zu geben!

Bitte geht wählen.

Und bitte wählt weise.

Es kommt mehr denn je darauf an.


Mehr zum Thema:

An die Urne gehen – Über die Wichtigkeit von Wahlen

No de Urne hin – Der gleiche Artikel nochmal auf Plattdeutsch

In the Year 2087 – Vielleicht müssen wir eines Tages Rede und Antwort stehen, warum wir das Grauen nicht verhindert haben.

Nur ein Satz – Warum ich  meine Urgroßeltern nie kennengelernt habe und genau das ein Grund ist, Flüchtlinge willkommen zu heißen.

Nicht mit uns – Die Blogparade Schreiben gegen Rechts


Hinweis: Die Titelgraphik dieses Beitrags stammt aus dem Pool frei verwendbarer Bilder von Pixabay und befindet sich unter dem Vermerk CC0 der Creative Commons in der Public Domain.

Nach Hause telefonieren

Etwas über zehn Monate ist es nun her, seit meine Mutter den Weg über die Brücke des Regenbogens gegangen ist. Mittlerweile hat sich so etwas ähnliches wie Normalität eingestellt, und wenn einem jetzt noch von ihr hinterlassene Lücken auffallen, die einem neu vorkommen, sind es zum Glück welche, die einen eher lächeln lassen. Allmählich gilt es zum Beispiel, einen neuen Kleckersdorfer Landboten zu bestimmen! Weiterlesen

Das Gekrakel von Delphi

„Vom Grips her mag es nicht gereicht haben, aber von der Sauklaue her könnte er Arzt sein.«

Ein wenig schmeichelhaftes Bonmot, aber leider auch irgendwie passend. Meine Schwester hat es irgendwann geprägt, als ich den familiären Einkaufszettel im Elternhaus um ein paar von mir gewünschte Artikel ergänzt hatte und niemand so recht schlau daraus wurde, was da eigentlich haben wollte. Weiterlesen

Na, endlich!

Reisetagebuch Hamburg, Juli 2017 – Teil 5

 

Der vorletzte Tag in Hamburg. Was habe ich nicht für Pläne gehabt. Dank Fieberschub, Schietwedder und zig Improvisationen habe ich nicht mal die Hälfte davon umsetzen können. Wobei ich mich nicht beschweren will. Das Alternativprogramm war ja bisher nicht wirklich schlecht. Trotzdem bin gespannt, ob sich auf den letzten Metern doch noch was in Richtung Ursprungsideen ändert…

 

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Immer Ärger mit der Tante

Ist schon ziemlich komisch mit der Zeit. Wenn du auf deinen Urlaub warten musst, scheint es ewig zu dauern. Ist er aber erstmal da, geht er vorbei wie nichts. Was hat sich das gezogen, bis der Juli gekommen ist. Jetzt ist schon wieder August, die Ferien sind vorbei und es geht weiter hier in diesem Theater.

Es heißt ja, wenn du deine Sorgen und den ganzen Ärger im Leben vergessen willst, sollst du sie gar nicht erst mitnehmen, wenn du auf Reisen gehst. Deswegen bleibt mein Mann auch immer zuhause, wenn ich in meinen Sommerurlaub fahre.

Ist natürlich nur Spaß. Wir finden das zwar beide wichtig, dass jeder von uns einmal im Jahr seine eigene Auszeit allen von wirklich allem haben soll, aber das heißt nicht, dass er eins der Probleme ist, die ich zuhause lasse. Umgekehrt ist das auch so, wenn er für seine Auszeit bei seiner besten Freundin nach Düsseldorf fährt. Hoffe ich zumindest… Weiterlesen

Jümmers Ärger mit de Tante

Dat is bannig komisch mit de Tiet. Wenn du op dien Urlaub tööven muttst, schient dat ewig to duuern. Is he over erstmol do, geiht dat vorbi as nix. Wat hett sik dat zogen, bit de Juli kamen is. Un nu is al wedder August, de Ferien sünd vorbi un dat geiht wieter hier in düsset Theoter.

Dat heet jo, wenn du dien Sorgen un dien ganzen Trabbel in’t Leven vergeten wüllst, schallst du se gor nicht erst mitnehmen, wenn du op Reisen gohst. Deswegen blifft mien Mann ok jümmers tohuus, wenn ik in mien Sommerurlaub fohr.

Is natürlich blots Spooß. Wi find dat twors beide wichtig, datt jedeen vun uns eenmol in’t Johr sien eegen Uttiet alleen vun weerklich alln’s hebben schall, ober dat heet nich, datt he eent vun de Problemens is, die ik tohuus loot. Ümgekehrt is dat ook so, wenn he to sien Uttiet bi sien besten Frünnin no Düsseldorf fohrt. Hoff ik tominnest… Weiterlesen

30 Songs, die einfach zum Leben gehören

Ist das Wetter dieser Tage nicht herrlich? Natürliches Licht im Übermaß und Temperaturen, wie sie schöner nicht sein könnten. Heute Morgen war ich schon um fünf Uhr zum Sport, und anschließend habe ich mein Frühstück auf dem Balkon genossen.

Zum Schreiben ist es inzwischen allerdings viel zu warm, also mache ich es mir einfach. In den Social Networks spukt mal wieder eine „Challenge“ herum, und weil die wirklich wenig Arbeit macht, muss sie heute als Thema herhalten.

Es ist ganz leicht.

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Großstadtmomente

In letzter Zeit hadere ich immer häufiger mit unserem Viertel: Mehr und mehr Luxussanierungen mit anschließenden exorbitanten Mieterhöhungen, das ehemals so bunte Publikum wird immer hipsteriger (keine Ahnung, ob es das Wort so gibt – wenn nicht, habe ich es soeben erfunden).

Vielleicht liegt es auch gar nicht am Viertel oder der neuen Klientel. Es könnte auch sein, dass es mit meinem Alter zusammenhängt. Nein, es folgt jetzt keine der hinreichend bekannten klagen, dass früher alles besser war. Erstens ist das Humbug, und zweitens versuche ich eigentlich immer die positiven Seiten des Älterwerdens herauszukehren. Die Rolle des Zynikers, der einem Kind den bunten Ball wegnimmt, um ihm die Schlechtigkeit der Welt zu verdeutlichen statt ihrer guten Seiten, liegt mir nicht.

Im Grunde weiß ich gerade selbst nicht so recht, worauf ich eigentlich hinaus will. Weiterlesen

Sommerobst

Neulich habe ich ja wieder mal  meinen Mann ein wenig in die Pfanne gehauen, da ist es nur recht und billig, wenn ich mich heute nun selbst auf dem Altar eures Amüsements opfere. Ich min mir nämlich ziemlich sicher, dass diesmal ich das „Igitt“ zu hören und lesen bekomme, wenn die Leser mitbekommen, welches Sommeressen ich wirklich lecker finde.
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Sommeraaft

Annerendogs heff ik jo mol wedder mien Mann so’n böten wat in de Pann haun, do is dat blots recht un billig wenn ik mi nu vendoog sölvs op den Altar vun jo „Amüsement“ opfer. Ik bün mi neemich bannig seker, datt düsset Mol ik dat „Igitt!“ to höörn un leesen krigg, wenn de Lesers wies worrn, wokeen Sommereten ik bannig lecker finn. Weiterlesen

Wenn ich das schon höre!

Bei Hanns Dieter Hüsch war es die Mehlschwitze. Er fand diese Saucengrundlage nicht nur an sich grauenhaft, sondern auch das Wort, welches negative Assoziationen bei ihm weckte: „Feine Küche Bad Salzuflen!“

Nun weiß ich nicht, durch was sich die feine Küche von Bad Salzuflen auszeichnet (oder eben nicht) und warum sie dem unvergessenen Kabarettisten so querging. Doch es gibt tatsächlich Worte, gegen die man eine solche Abneigung hat, dass sich nicht nur alle Nackenhaare aufstellen, sondern man auch die abstrusesten Verbindungen herstellt.

Ein solches Wort kommt bei mir verlässlich jeden Sommer im wahrsten Sinne des Wortes auf den Tisch.  Weiterlesen

Natürlich koche ich selber!

Alle Jahre steht ein „Tatort“ ganz oben auf der Liste, wenn die Statistik veröffentlicht wird, wo im Haushalt sich die schlimmsten Unfälle zutragen. Es handelt sich natürlich um die Küche, und ebenso natürlich kommt in Sekundenbruchteilen nach dieser sensationellen Bekanntmachung jener geistreiche (???) Scherzkeks daher, der sich den Hinweis „und die meisten davon kommen in Form von Speisen auf den Tisch“ partout nicht verkneifen kann.

„Manche Leute haben in der Küche einfach nichts verloren“, folgt dann meist noch nach. Stimmt. Weiterlesen