Hey, Taxi!

Wann ich zum ersten Mal einen Mercedes Diesel gestartet habe, weiß ich wirklich nicht mehr. Wahrscheinlich war ich so um die zehn oder elf. In unserem nicht gerade kleinen Clan gab es nämlich ein Taxiunternehmen, und dort hat meine Omma jahrzehntelang jeweils am Wochenende in der Zentrale gesessen und Funkgeräte und Telefone bedient. Für mich als ausgesprochenes Ommakind war es daher völlig normal, dass auch ich mindestens einen Tag meiner Wochenenden vorzugsweise auf dem Gelände der ehemaligen Tankstelle und Autowerkstatt verbrachte. Wenn meine Freunde ins Kino gingen oder gemeinsam mit ihren Vätern die Fußballübertragung im Radio hörten, während sie dabei den Gartenzaun strichen oder ihr Angelzeug putzten, Weiterlesen

Gewürzgurken, Mörder und Mysterien

Gefunden haben wir ihn nie. Aber wir waren unverdrossen und haben es jeden Sommer aufs Neue versucht. Wir haben mit Hilfe von kleinen Hämmern aus dem Heimwerkerkasten für Jugendliche und einem Spielzeugstethoskop nach Hohlräumen gesucht. Während unsere Väter bei der Gartenarbeit nach ihren Spaten und Spitzhacken gesucht haben, waren wir mit diesen Gerätschaften auf Expedition, weil wir nach einem neuen Hinweis an einer anderen Stelle als beim letzten Mal graben wollten. Dabei wussten wir nicht mal, ob es ihn wirklich gegeben hat. Weiterlesen

Zukunftspläne

Angefangen hat es mit einer Verzweiflungstat. Gestern Vormittag hatte ich noch auf dem Balkon gesessen – lesend, kaffeeschlürfend und wieder mal die Wetterfrösche verlachend, weil das Wetter wie fast immer viel besser war, als man uns zugestehen wollte. Aber auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn, deshalb behielten sie mit der Prognose für den Nachmittag leider reicht.

Ebenso schnell wie die Sonne verzog sich auch meine Laune, denn Weiterlesen

Kerbe im Geländer

Ich weiß, ich weiß, ich weiß… Erstens ist es schlechter Stil, einen Text mit ich zu beginnen, zweitens bin ich ein wenig aus dem Takt geraten. Doch gestern war so gedrubbelt viel los, dass ich gar keine Zeit hatte, mich an den Computer zu setzen.

Aber ganz von vorn: In ihrem eigenen Blog hat Weiterlesen

Möbel dengeln

Die Leute meckern ja oft darüber, dass eine große Stadt ziemlich anonym ist. Dass man nichts von den anderen mitbekommt. Dass man oft nicht weiß ob da in der Wohnung nebenan überhaupt eine Menschenseele wohnt, weil du nichts von dort hörst. Und dass es genug Leute gibt, die zwar was hören, sich aber nicht dafür interessieren.

Im Großen und Ganzen klingt das ja nicht schön, manchmal kann das aber auch ein großer Vorteil sein. Zum Beispiel, wenn man Möbel zusammendengelt.

Ihr kennt das: Eigentlich wollt ihr am Sonnabendmorgen bloß ein paar Teelichter kaufen – und dann kommt ihr mit „dieser entzückenden kleinen Kommode“ nach Hause. Das ist bei meinem Mann und mir auch so. Wenn du das Ding im Laden so schick und fertig da stehen siehst, denkst du gar nicht daran, dass das ja bloß mal ein Haufen Holzbretter und Metall war. Das fällt dir auch nicht auf, wenn du mit diesem flachen Karton an der Kasse stehst. Nein, das merkst du alles erst, wenn du den Karton zuhause aufmachst und diesen Haufen Holzbretter und Metall in deinem Wohnzimmer liegen hast.

Und dann fängt das Drama an. Zumindest bei uns. „Wo hast du denn wieder den Beutel mit den Schrauben hingepackt“ fragt mein Mann. „ICH?“ antworte ich. So fängt das Duell an.

„Ja, du! Ich hab‘ den auf diesen Teller gelegt.“ – „Ich hab‘ da nix weggenommen.“ – „Nee, ist klar, und der nächste Papst ist ’ne Frau!“ Und kurz danach: „Ich denk, du hast die Schrauben nicht weggepackt?! Und warum liegen die dann jetzt in der Küche auf dem Tisch?“ – „Keine Ahnung. Hast du wohl selbst dahin gelegt.“ – „Boah, hier kannst du nichts liegen lassen, ohne dass das nach fünf Minuten weg ist.“ – „Ach, du halt deinen Rand!“

Das war schon recht laut, aber das ist nicht gegen die Lautstärke, die wir schaffen, wenn wir erstmal richtig in Fahrt und bei der Arbeit an dieser blöden Kommode sind!

„Nu‘ wackel doch nicht so.“ – „Das blöde Brett ist schwer, und ich bin nicht Mister Universum.“ – „Das sieht man du Spargeltarzan, das musst du mir nicht auch noch sagen“ – „Mensch, mach hin, oder wartest du auf Invalidenrente?“ – „Gleich klatscht das, und das ist kein Beifall!“ – „Laber nicht rum! Mach ein bisschen schneller, dann wackelt auch nichts.“ Und ein bisschen langsamer: „Olle Schnecke…“ – „Das habe ich gehört!“ – „Na, dann war der Zweck ja erfüllt!“ – „Ach, leck mich doch am Arsch.“

Mit jedem Wort wird das lauter in unserem Wohnzimmer. Wir schreien, wir fluchen, wir schimpfen uns an – und wir grinsen über das ganze Gesicht dabei. Das Meckern gehört einfach bei uns dazu, und wir haben so großen Spaß dabei, das könnt ihr euch nicht vorstellen!

Bloß – die Nachbarn draußen können das auch nicht. Die sehen ja nix, die hören bloß das laute Gebölk. Wenn sie denn zuhören…

Und wenn sie sich dann auch noch Gedanken machen, dann kommen sie vielleicht auch auf den Einfall, dass mein Mann und ich einander gerade mit ’nem Messer und oder gar einer Axt belauern. So wie Jack Nicholson damals in Shining. „Hier ist Johnny!“

Wisst ihr nun, warum ich das mit der Anonymität in der Großstadt manchmal gar nicht so schlecht finde? Ich meine, wenn die Nachbarn unser Gebölk jedes Mal mitbekämen, wenn wir Möbel zusammendengeln, stünde vielleicht auch jedes Mal das Sonderkommando der Polizei bei uns auf der Matte!


Hinweis: Dieser Text ist die hochdeutsche Übersetzung des plattdeutschen Artikels vom 07.09.2015

48 Meter im Quadrat

Es ist Sonntagabend und ich sitze in einer kahlen Küche – auf dem Fußboden, mit dem Rücken an die Speisekammertür gelehnt. Das Klappern der Laptoptastatur klingt in dem fast leeren Raum unnatürlich laut.

Über dieses Wochenende ist die Weiterlesen

Modeläden

20141110-2Nun wohne ich ja schon eine ganze Weile mit meinem Mann in der Stadt an der Emscher. Obendrein in einem der gefragtesten Quartiere, und wir haben schon so einiges an Moden hier gesehen. Nein, nicht Plünnen, Kledaasche, Couture oder Klamotten – wie immer man es nennen will -, sondern welche Art von Ladengeschäft gerade en vogue ist. Man kann da einen regelrechten „Takt“ beobachten: In Jahr 1 macht irgendein Pionier mit seiner Geschäftsidee den Anfang, in Jahr 2 und 3 steigt die Zahl der Läden, die diese Geschäftsidee auch verfolgen, sprunghaft an, bis in Jahr vier allmählich der Niedergang beginnt und die ersten Läden wieder verschwinden. Dieses Jahr 4 ist dann gleichzeitig Jahr 1 für die nächste neue Idee

Zuerst fiel mir die extrem hohe Rate an Putzbüddeln (Friseuren) auf – jede Straße schien schon ihren eigenen Laden zu haben, als ich herkam, und es wurden trotzdem immer noch mehr.

Diese wurden aber dann doch weniger und es machte eine Pizzeria nach dem anderen auf. Das war auch der langlebigste Trend. Wann immer mein Mann oder ich nach Hause kam und berichtete „Der ________-Laden in der ________-Straße hat dicht gemacht“ kam die Antwort: „Ach, brauchen wir wieder ’ne neue Pizzeria?“ Es war die Pest. Warum bekamen wir nicht mal ein indisches oder skandinavisches Restaurant? In unserem kosmopolitschen und aufgeschlossenen Quartier wäre das wirklich mal eine echte Marktlücke gewesen.

Es folgten Caféhäuser, Einrichtungsläden, Waschsalons und so weiter. Selbst von den an manchen Ecken des Potts schon totgesagten guten alten Kiosks erlebten wir für eine Weile eine echte Schwemme. Bis die ersten wieder verschwanden und von jeder Sorte nur noch ein, zwei Läden mit unerschütterlich treuer Stammkundschaft überleben konnten.

Der neueste Trend sind Änderungsschneidereien, der allerdings jetzt schon wieder von Burger-Restaurants ohne Großkettenanschluss abgelöst wird, kaum dass er richtig begonnen hat.

Die Pizzerien (oder auch Döner- und Gyrosbuden) mal ausgenommen – futtern geht bekanntlich immer. Aber bei all den anderen Dingen will sich mir diese Nachahmer-Mentalität nicht erschließen. Es ist doch seit Urzeiten ein Gesetz von Angebot und Nachfrage, dass letztere irgendwann erschöpft ist, wenn ersteres im Überfluss da ist. Und dann setzt das Sterben ein.

Wenn in einem Quartier X einer Stadt also bereits zehn Läden für Idee Y vorhanden sind, obwohl das schon drei zuviel sind, warum tue ich es mir dann an, mich noch mit meinem elften Laden dazwischen zu quetschen? Verspricht der Kuchen der Gentrifizierung wirklich so viel, dass er so blind für die Gefahren macht, die entstehen, je später man sich einem Trend anschließt? Oder ist es Gedankenlosigkeit? Schauen sich die Leute in dem Quartier, in dem sie ihren Laden eröffnen wollen, vorher nicht genügend um? „Oh, da ist ein leeres Ladenlokal. Ziehen wir da doch mit unserer Tintentankstelle ein“ – dabei schön ignorierend oder gar nicht erst bemerkend, dass es drei Häuser weiter längs bereits eine gibt. Ist denn niemand da, der diese ambitionierten, ihren großen Traum leben wollenden, spannenden Menschen warnt und sagt, „Lass es hier lieber sein – hier gibt’s zuviel davon. In ’nem anderen Viertel hast du viel größere Chancen“??? Kein Banker, kein Immobilienmakler, kein Berater für Existenzgründer?

Man weiß es nicht. Schade nur um all jene, die am Ende ihren großen Traum begraben müssen, weil er von den Gesetzen der Gentrifizierung und der Mode aufgefressen wurde.

Das schmutzige Wort mit G

Lange kam unser Quartier in punkto wohnen ein wenig wie das sprichwörtliche Gallierdorf daher. Während alle anderen Ecken der Stadt mal schöner wurden, mal etwas mehr verkamen und vice versa, blieb hier eigentlich immer alles gleich. Ganz selten mal, dass ein Haus neue Fenster, ein neues Dach oder gar einen Anstrich bekam. Die einzige Veränderung war und ist, dass fast an jedem Wochenende in irgendeiner Straße ein Umzug stattfindet – was dann aber wiederum gleichzeitig eine der Konstanten ist, zeigt es doch, wie beliebt und erstrebenswert es nach wie vor ist, hier zu wohnen. Vor allem auch wegen seiner spannenden Mischung aus Studis, Künstlern, Arbeitern, Akademikern, Lebenskünstlern jeder Couleur und Nationalität in sympathischem Miteinander.

Seit etwas über einem Jahr hat sich das Bild gewandelt. Vor Häusern, von denen man dachte, ihre Besitzer würden sie eher einstürzen lassen, als dass sie auch nur einen Cent in den Erhalt investieren, schnellen plötzlich Gerüste in die Höhe. Auf einmal werden nun doch neue Fenster eingebaut, Dächer neu gedeckt, Fassaden gestrichen. Teilweise aufgegeben wirkende Gemäuer werden zu neuem Leben erweckt. Das Quartier wird schicker.

Mit der Optik ändert sich auch die Atmosphäre. Die Latte Macchiato-Muttis mit ihren Designerkinderwagen und den Kalendern voll mit Terminen zum Baby-Yoga sind angekommen. Noch nicht im Übermaß, aber genug, um unübersehbar zu sein. In einigen Cafés kehren jetzt die überteuerten Angestellten des lokalen Bolzvereins ein. Sehen und gesehen werden.

Wechsel bei den Geschäften: Bunte Sammelsurienläden weichen schicken Einrichtungsstudios, Alternatives dem Mainstream. Die etwas rummelige Pommesbude macht dem schicken Burgerladen (natürlich mit veganer Abteilung auf der Speisekarte) Platz.

 

Offen ausgesprochen habe ich das Wort hier noch nicht gehört, aber es schwebt unsichtbar über dem Quartier. Das böse Wort mit G. Gentrifizierung. Derzeit mit einem Fragezeichen dahinter. Doch zuckt es nicht manchmal, als wolle es sich in ein Ausrufzeichen verwandeln? So wie es in Hamburg, Frankfurt, München, Berlin längst geschehen ist?

 

Im Moment hält die Waage sich. Wie lange noch?

Haltet den Dieb… nicht!

Aus einem der Häuser in unserer Straße wurde eine Küchengarnitur mit einem Tisch und vier Stühlen getragen und neben der Haustür abgestellt. Dazu kamen eine alte Wirtschaftswunderstehlampe und ein Karton mit einem kompletten und intakten Kaffeeservice.  Zehn Minuten später kamen ein paar junge Leute vorbei, hielten kurzen Kriegsrat und nahmen die Klamotten mit. Uneingeweihte hätten es für einen dreisten Diebstahl halten können, doch das Ehepaar, welches die Möbel nach draußen gestellt hatte, freute sich nur.

Was mir an unserem Quartier in dem kleinen Emscherdorf wirklich gefällt, ist seine Mischung aus Uhlenhorst, Eimsbüttel und Hoheluft mit einem Touch St. Georg vor der Gentrifizierung. man kann hier wirklich ganz kommodig leben.

Am meisten mag ich die unkomplizierte Art, miteinander zu teilen. Weiterlesen

Möbelgepüttscher

Wenn ich mal wieder sehen möchte, wie meinem Mann sämtliches Blut aus dem Gesicht entweicht wie das Wasser aus einer Badewanne bei gezogenem Stöpsel, stelle ich mich einfach mitten in die Küche (wahlweise auch Wohn- oder Schlafzimmer) und lasse ganz sinnig und suutje den Blick schweifen. Ringsum.

„Was hast du nun schon wieder vor?“

Der Stöpsel ist gezogen.

„Och, nix Großartiges, aber ich dachte, wenn wir den Tisch…“

An dieser Stelle ist die „Badewanne“ bereits leer.

Nichts kommt einem Kampf der Titanen näher als unsere verschiedenen Ansichten über die perfekte Einrichtung einer Wohnung. Wenn wir nicht in unzähligen anderen Punkten so gut harmonierten, hätten wir kaum die letzten fünfzehn Jahre miteinander ausgehalten. Es passt einfach nicht wirklich, wenn einer am liebsten wie eine Mischung aus Wirtschaftswundermuseum und Stilaltbau meets norddeutsche Klarheit leben will, während der andere am liebsten so minimalistisch leben möchte, dass das 15-m²-Wohnzimmer die Illusion vermittelt, ein 150-m²-Loft zu sein.

Alle meine Versuche, durch ständige geschickte Neuarrangements der vorhandenen Möbel einen Kompromiss herzustellen, sind sowas von fehlgeschlagen, dass jeder andere längst aufgegeben hätte. Aber ich bin nun mal sturer Stier, außerdem macht mir die Möbelrückerei unheimlichen Spaß. Ergo gibt’s auch weiterhin in unregelmäßigen Abständen neue Anläufe. Mein Mann hat sich darüber in stille Resignation geflüchtet. Nur selten wagt er noch offene Opposition.

Vorhin waren wir gemeinsam einkaufen. Auf dem Weg zum Bezahlen hat er mich so vom Weg abgedrängt, dass wir letztlich an der Kasse standen, die am weitesten entfernt von den Zeitschriften und Tabakwaren war. Woher hat er nur gewusst, dass ich mir heute nach längerer Pause wieder mal ein Einrichtungsmagazin kaufen wollte?

Rache ist süß. Manchmal muss man etwas drauf warten, aber diesmal ging’s schnell – er hat vergessen, sich Zigaretten zu kaufen und musste nochmal los.