Ausge-Bremst

Am Freitagmorgen hat mich unterwegs beim Lauftraining irgendein Viehzeug hinten in den Oberschenkel gestochen. Erstmal nix Besonderes für ’n Jung vun’t Dörp. Da ist man mit dem, was da kreucht und fleucht so sehr auf Du und Du, dass man den Weberknechten zum Geburtstag gratuliert und zur Beerdigung der Eintagsfliege einen Kranz schickt. Unterwegs Speichel drauf, zuhause dann Gel und gut is‘.

Am Sonnabendmorgen war die Stelle allerdings auf Untertassengröße angeschwollen und knüppelhart geworden, so dass ich den ganzen Tag wie ein Kollateralschaden der Französischen Revolution durch die Gegend gehumpelt bin. Wie erniedrigend ist das denn, bitte schön? Wegen eines Insektenstichs! So eine Petitesse eignet sich nun wirklich nicht für dramatische Heldenepen beim Bierchen mit Freunden. Das sind die Momente, in denen einem ein zünftiger Sportunfall mit Wadenzerrung deutlich lieber wäre! Diese bunten Kinesio-Tapeverbände sehen auch allemal cooler aus als ein ausrangiertes, mit Essig getränktes Küchenhandtuch für einen kalten Umschlag.

Mein Mann hatte mit mir nix zu lachen…! Ich bin kein einfacher Patient. Betüddelt werden und viktorianisches Leidensritual (bleiche Gestalt mit Märtyrermiene in bodenlangen Gewändern, ein mit billigem Eau de Cologne-Abklatsch getränktes Tuch an die Stirn gehalten, drumherum unberührte Speisen) sind Dinge, die mich zur Nitroglyzerinampulle machen. Ich bin eher der Typ, den man mit Zwangsjacke und Hochleistungssedativum davon abhalten muss, auch mit 39,8 Fieber, Lungenentzündung und gebrochenem Bein ganz normal Haushalt, Arbeit und Sport zu machen.

Dennoch bin ich kein ganz hoffnungsloser Fall. Nachdem die Einstichstelle in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag nochmal etwas fieser geworden war, fand ich mich gestern Morgen dann in der Ambulanz der örtlichen Klinik wieder. Da war wohl ein Antibiotikum angesagt.

Drei Stunden hat die Warterei gedauert – für nicht mal 10 Minuten Behandlung! Diagnose: Bremsenstich mit mittlerer Reaktion ohne Komplikationen, kein Antibiotikum notwendig. Es gab ein Allergielgel und die Empfehlung, zuhause kalte Umschläge mit Essig oder essigsaurer Tonerde zu machen, das Bein hochzulegen und zu schonen.

DANKE! SOWEIT WAR ICH SCHON!!!

Dann die Krönung: Kein Lauftraining bis mindestens Mittwoch. Ausgebremst von einer Bremse…. Hey, wo kommt auf einmal dieses aggressive Pochen in meiner Halsschlagader her???

Nun ja, der Wahrheit und Vollständigkeit halber: Besser so, als wenn’s schlimmer gekommen wäre.

Eins wundert mich trotzdem – warum immer so spät in der Saison? Letztes Jahr hat mich der einzige bemerkenswerte Insektenstich sogar erst auf den letzten Drücker an Altjahrsabend ereilt. Was bin ich für die Viecher eigentlich? Eine Spätlese?

Spezialität des Hauses

Als bekennender Nicht-Bejubler von Schnee freue ich mich natürlich, dass in diesem Winter noch nicht ein einziges Flöckchen gefallen ist. Die kurzen Joggingplünnen werde ich nach meiner aktuellen Erfahrung zwar wirklich frühestens im April wieder auspacken, aber trotzdem finde ich die bei zehn bis vierzehn Grad liegenden Temperaturen gar nicht so schlecht. Leider bin ich scheinbar nicht der einzige – in der Nacht zu Altjahrsabend war ich nämlich das FlyIn-Restaurant für zwei Mücken, dabei haben diese Viecher derzeit doch eigentlich keine Saison! Hat sie aber trotzdem nicht davon abgehalten, blutrünstig über mich herzufallen.

Ist mir erst gar nicht aufgefallen; ich hab‘ die Stiche nur gesehen, aber nicht gespürt. Doch nachdem mein Körper in den letzten Tagen alle Antikörper voll zu tun hatte, sich um die Erkältung zu kümmern, hat er seit heute wieder vollständig die Zeit, sich anderen Aufgaben zu widmen. Angriffslustig verteidigt er sein Revier, hat in dem Mückenspeichel aber einen formidablen Gegner gefunden. Es juckt ganz entsetzlich, und in der Apotheke haben sie schön blöd geguckt, als ich so völlig außerhalb der üblichen Zeit ein Mittel gegen Insektenstiche haben wollte.

Ist ohnehin merkwürdig – über drei Jahre schon habe ich gar keinen Mückenstich mehr gehabt, und jetzt auf einmal zwei so heftige? Entweder sind die Miststücke ganz besonders ausgehungert und stürzen sich auf alles, was sie kriegen können, oder mein Blut gilt aufgrund des weihnachtlichen Zuckerrauschs für die hier logierenden Mücken im Moment als Spezialität des Hauses.

Jedenfalls nervt die Juckerei ungemein, und bevor ich nochmal zum warmen All the blood you can drink-Buffet erklärt werde, wäre es vielleicht doch nicht ganz so schlecht, wenn wir jetzt einen echten kleinen Wintereinbruch mit knackekalten Temperaturen bekämen…