… in Frieden

Gestern und auch noch heute Morgen hat der Artikel einer amerikanischen Seite mit Hollywood-Nachrichten die Facebook Gemeinde in Aufruhr versetzt. Die Schlagzeile lautete:

Actress Betty White, 92, Dyes Peacefully In Her Hollywood Home

Und sofort brach der RIP-Storm los. Überall las man plötzlich: „RIP Betty“ – „Such a loss“ – „Last Golden Girl gone – so sad“ – „Oh no!“ und so weiter. Alle Welt trauerte um die beliebteste Fernsehkomödiantin der letzten fünfundsechzig Jahre. Aber warum? Nur weil da Actress Betty White, 92, Dyes Peacefully In Her Hollywood Home stand?

Klingelt’s?

Nein?

Ach, kommt…

Nicht auf die Aussprache kommt’s an – das Y macht’s!

Dies = die = sterben

ABER:

Dyes = dye = Haare färben!

Und der Schlagzeile folgte ein humorvoller Artikel darüber, dass Betty White seit Jahrzehnten ihre Haare blond färbt – und zwar selber in den eigenen vier Wänden, weil es einfach mehr Vergnügen macht als stundenlang beim Coiffeur zu sitzen.

Betty White, 92, Dyes Peacefully… Das OK für eine solche Schlagzeile zu geben…! Diese Fähigkeit, über sich selbst zu lachen – und was für ein herrlicher schwarzer Humor. Ich liebe es! Diese Frau ist unvergleichlich. Unbezahlbar. Wunderbar.

Die englische Sprache mag voller False Friends, also Falscher Freunde, sein (Deswegen sind sie ja auch so ein beliebter Fallstrick in Klausuren. „I become a steak“ – ein Klassiker!), doch an Betty Whites Inspiration, was man Tolles aus dem Alter machen kann, ist definitiv nix falsch. Ich hoffe der echte Verlust dieser Ikone bleibt uns noch lange erspart!

So oder so ist das Leben

Es gibt Tage, die besondere Überraschungen bereit halten. Der vergangene Ostersonntag startete eigentlich ganz normal. Ja, mein Wiegenfest stand an, dennoch hieß es auch an diesem Morgen wie an jedem Tag: Wecker. Aufstehen. Frühstücken. Anziehen. Joggen.

Bis vor etwas über einem Jahr bestand mein Tagesbeginn nur aus den ersten vier Punkten. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass Punkt fünf einmal unverzichtbar sein würde. Von allen sportlichen Aktivitäten war Jogging irgendwie für mich immer die am wenigsten reizvolle. Durch einen Zufall entdeckte ich es im Frühjahr 2013 aber doch für mich, seitdem jogge ich jeden Tag zwischen acht und zwölf Kilometern.

Es ist eine Art Meditation, denn inzwischen bin ich an dem Punkt angelangt, an dem es mir wirklich gelingt, beim Jogging an nichts, rein gar nichts zu denken. Wenn die Welt sich entscheidet, ausgerechnet in diesen fünfundsiebzig Minuten unterzugehen – bitte, gerne. Aber ohne mich. Bin beschäftigt. Unabkömmlich. Neue Vitalität sammeln.

Mit jedem Laufschritt werfe ich Ballast ab und werde entspannter, gleichzeitig aber auch offener und sensibler für das, was der Tag so bringt.

So auch am Ostersonntag. Da läuft plötzlich ein anderer Jogger an mir vorbei – ich weiß nicht mal, ob Mann oder Frau – und zieht eine parfümierte Duftwolke hinter sich her, durch die sich die Eisenbahnbrücke, über die ich grade laufe, in das Badezimmer unserer Ferienwohnung in Dahme an der Ostsee verwandelt. Ich bin wieder sechs Jahre alt, und bekomme von Oma das Gesicht gewaschen – mit einem eiskalten Waschlappen, auf dem sie vorher großzügig Seife der heute längst vergessenen Marke Atlantik verteilt hat. Eines dieser besonderen, willkommenen, von einem Duft, einem Geräusch oder auch nur einem Windhauch getriggerten Déjà vu-Erlebnisse, die längst vergangene Momente zurückbringen und die Erinnerung für den Nanobruchteil einer Sekunde wieder zur Realität werden lassen.

An Ostersonntag habe ich viele liebe Geburtstagsüberraschungen bekommen, doch dieser Die Atlantik an der Ostsee-Moment war die schönste, der lange nachgehallt hat.

Gestern am späten Nachmittag dann die traurige Überraschung, dass just an diesem Ostersonntag Ilse Gräfin von Bredow in Hamburg verstorben ist. Abschied von einer geschätzten Autorin, deren Geschichten in Büchern wie Kartoffeln mit Stippe und Ein Bernhardiner namens Möpschen graue Alltagsmomente verschwinden ließen – und die letztlich auch einer der Anstoßgeber war, warum ich selber mit der Schreiberei angefangen habe.

Hier wird gefeiert, dort wird Abschied genommen.

So oder so ist das Leben.* Viva la vida!**

* Hildegard Knef // ** Coldplay