Heute vor einem Jahr: Dortmund

Barop1bDortmund, 29.05.2013, morgens gegen neun Uhr. Jogging in Richtung Hombruch. Der Weg führt unter anderem an der großen Umsteigestation Barop Parkhaus vorbei, Knotenpunkt für eine Stadtbahnlinie und vier oder fünf Buslinien. Ein hochstehender Pflasterstein beim Wartebereich für die Busse bringt mich zu Fall, ich stürze, schabe über einige andere Pflastersteine, schlage mir dabei Knie und Stirn blutig, mein T-Shirt bekommt einen klaffenden Riss. Den Schmerz merke ich nicht, denn ich bin so verdattert, dass ich erstmal regungslos liegen bleibe. 10 Sekunden? Eine Minute? Who knows. Dann sortieren sich meine Sinne langsam wieder und ich merke: Wäre ich noch zwanzig Zentimeter weitergerollt, wäre ich mit dem Kopf noch mitten in einer Glasscheibe gelandet.

Zu dieser Zeit anwesend: Drei Busfahrer, die auf ihren Stadtbahn-Anschluss gewartet haben, und rund 25 Passagiere beim Ein-/Aus-/Umsteigen. Nicht einer von denen kommt zu mir rüber und bietet mir Hilfe an. Keiner zückt sein Handy, um ggf. den Rettungswagen zu bestellen. Desinteresse allenthalben. Ich rappele mich auf, hinke los und mache mich so gut es geht auf den Weg nach Hause. Dabei muss ich die Straße überqueren und komme am Wartebereich für die Busse in die Gegenrichtung vorbei. Da gröhlt mich einer, der meinen Unfall von einem Logenplatz auf einer Bank aus beobachtet hat, im breitesten Dr. Stratmann-Ruhrpöttlerisch und mit schadenfrohem Grinsen an: „Dat hat gezz abba wehgetan, woll?“

Kein Kommentar.

Nur der Verweis auf das, was knapp drei Wochen später in Hamburg passiert ist.

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Grünes Kleinod

WP_20140427_00120140427100759Der Garten unserer Mietskaserne ist eine kleine Oase. Obwohl er nur etwa sieben mal sieben Meter misst, bietet er eigentlich für jeden Geschmack etwas. Dichte Stauden in der einen Ecke, eine von leichtem Wildwuchs umgebene Sitzgruppe in der anderen, eine dichtbewachsene Efeuwand und ein Fahrradhäuschen, auf dessen kleiner „Terrasse“ man sich auch nochmal mit zwei Leuten zum Klönschnack treffen kann.

Trotzdem wird er nur wenig benutzt. Von den fünfzehn Mietparteien, die ihn sich teilen, strafen zwölf ihn mit unverdienter Ignoranz. Das ist wirklich schade, denn für unsere alte Hausgemeinschaft, die noch eine wirkliche Gemeinschaft im besten Sinne war, stellte der Garten in jedem Sommer einen Nachbarschaftsmittelpunkt dar, an dem die Gespräche ebenso leicht flossen wie die ausgeschenkten Getränke. Da die Gärten unseres Karrees allesamt offen zueinander sind, fanden sich auch oft genug Nachbarn aus den anderen Häusern ein. Treffpunkt war unter einer großen alten Kastanie, deren Blätterdach so ausladend und dicht war, das wir selbst bei einem prasselnden Sommerregen nicht ins Haus flüchten mussten. Leider ist sie vor ein paar Jahren einem Blitzschlag zum Opfer gefallen. Auch die Nachbarschaft hat sich deutlich verändert. Es findet weniger Kommunikation im Karree statt, dafür trifft man sich eher in vielen kleinen Caféhäusern, die hier entstanden sind.

Trotzdem ist es weiterhin ganz kommodig hier, und wenn das Wetter mal nicht gartengeeignet ist, so wie heute, genieße ich unseren Innenhof bei Buch & Kaffee vom überdachten Balkon aus. Meistens ist es ruhig wie in einem Kurort, wodurch man beinahe vergessen könnte, dass dieser grüne Flecken Erde nur gut einen Kilometer Luftlinie vom Downtown der Stadt entfernt liegt.

Aber es geht auch lebendiger. Allein den Eichhörnchen zuzuschauen, wie sie durch die Bäume turnen oder sogar an den Efeuwänden hinaufklettern, macht einfach nur Freude. Zudem ist unser Quartier bei Musikern sehr beliebt, so dass es im Sommer aus jeder Ecke Gratiskonzerte gibt – aus dem einen Fenster hört man der Sopranistin vom Opernhaus beim Einstudieren einer neuen Partie zu, aus dem anderen begeistert ein Pianist mit umwerfenden Jazzimprovisationen.

Dazu kommen die Zeichen alltäglichen Lebens – Bratkartoffelduft mischt sich mit dem Streit eines jungen Paares, das sich scheinbar über einem missratenen Zoobesuch in den Haaren liegt, denn ihrem lautstarken Austausch sind Worte wie Affe, Ziege, Kamel, Sau oder Ochse zu entnehmen. Was in dieser Aufzählung Idiot und Schlampe zu suchen haben, bleibt uns unfreiwilligen Zuhören jedoch verborgen. Man will’s auch gar nicht wissen, denn kaum ist das Fenster der beiden knallend zugefallen, hört man aus einer anderen Ecke schon wieder die Stimme eines kleinen Mädchens, das seiner Puppe ein Schlaflied singt.

Alles zusammen keine unerträgliche Kakophonie, sondern einfach nur Leben pur.

Es ist wirklich nett hier – ich sage nicht umsonst, dass das Quartier eine Mischung aus Ottensen, Uhlenhorst und Hoheluft ist. Ersetzen kann es mir mein Hamburg nicht, aber es ist eine lebbare Alternative.

Zeitenwende

Soziale Kälte. Manchmal erlebt man sie am eigenen Leib oder wird sogar gezwungen, unfreiwillig zu ihrem Handlanger zu werden.

Es wurde wieder mal Zeit, eine Kiste mit Büchern und ähnlichem nach altbewährtem Muster vor die Tür zu stellen. Nach einer Viertelstunde war die Kiste halb leer. Nach einer halben Stunde klingelte ein Mitarbeiter unserer Wohnungsbaugesellschaft und verlangte sowohl die Entfernung der Kiste und verbot künftige Spenden nach diesem Muster.

Aus die Maus nach sechzehn Jahren, weil unsere angeblich gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft nicht mehr wünscht, dass ihre Mieter sich sozial verhalten und das, was sie zuviel haben, mit denen teilen, die nicht so viel haben. Wieder ist die Stadt ein Stück kälter geworden.

„Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.“ (Max Liebermann)

Sonntag im Park

ParkSo ein herrlicher Sonntag! Erst Anfang März und so warm, dass man morgens um sechs schon in den kurzen Plünnen auf die Joggingpiste kann! Den Rest des Tages habe ich dann auch draußen verbracht, im Westpark ein paar hundert Meter weiter längs, einem echten Nachbarschaftstreffpunkt für jung und alt. Zwischen den Bäumen gespannte Slackline-Bänder, Badminton ohne Netz, Boulebahnen, und es gibt sogar eine Ecke, auf der Tanzfreunde jeglicher Couleur sich zum Tango Argentino treffen.

Und dann ist da noch der Biergarten Café Erdmann, eine echte Institution im Quartier. Hier ist man nie lange alleine. Auch heute nicht – schon nach ein paar Minuten saßen zwei Freunde bei meinem Mann und mir am Tisch. Bei Kaffee und Kaltgetränken plauderten wir über alles Mögliche; irgendwann erwähnten sie, dass Weiterlesen „Sonntag im Park“