Finderlohn

20141231-1„Hey, hey! Was machst du da?“ David stürmte aus seinem kleinen Obst- und Gemüseladen zu den Auslagen draußen auf dem Trottoir. „Finger weg von den Pampelmusen! Wenn du runde Dinger mit Nippeln betatschen willst, geh in dem nächsten Puff. Um die nächste Ecke und dann drei Häuser weiter längs!“

Die Besitzer der Läden rechts und links von David brachen in Gelächter aus, während der Hollzfällerhemd-und-Vollbart-Hipster sich rasch entfernte. Er war neu auf St. Pauli oder Tourist, das hatten alle sofort gemerkt. Wer sich hier auskannte, wusste ganz genau, dass man die Auslagen von David nicht einfach so betatschte. Hier bediente der Chef noch selbst. Ein Schild wies zudem ausdrücklich darauf hin.

David Meiners mochte mit seiner schlanken Figur, der modischen Hornbrille und dem Sieben-Tage-Gestrüpp in seinem jungen Gesicht selbst wie ein Hipster wirken, doch er war ein echter Junge vom Kiez: Zäh wie ein vertrockneter Schinken, energischer als ein Feldwebel, und er konnte genauso ordinär fluchen wie der schmierigste Lude.

Auch der Laden verströmte altes Flair von Reeperahn und Großer Freiheit. Vielleicht nicht so romantisch verklärt wie in den einschlägigen Schnulzen mit Hans Albers, eher wie zu Zeiten der Schulmädchen-Reporte. Aber selbst das ging inzwischen als „gute alte Zeit durch“, wenn man sich die fortschreitende Gentrifizierung so anschaute. Davids einzige Neuerung im Laden war eine elektronische Kasse gewesen, damit die Buchführung leichter fiel. Ansonsten war alles beim Alten geblieben. Selbst die analoge Waage mit der fächerförmigen Skala, obwohl sich der Mann vom Eichamt regelmäßig über dieses „prähistorische“ Teil beschwerte, weil das Eichen länger dauerte als bei modernen Geräten,

David rief dem Hipster ein letztes „Wer lesen kann, ist im Vorteil“ hinterher und rückte die Pampelmusen wieder zurecht. Er blickte zum Himmel. „Was meinst du, Anita, sieht nach Schnee aus, oder?“

Anita von nebenan stand im Türrahmen und rauchte. Sie blickte nach oben und schüttelte den Kopf. „Nee, Jung, der Himmel ist zu blau dafür. Das wird erstmal nix. Außerdem“ – sie reckte die Nase in die Höhe – „riecht es nicht nach Schneeluft.“

„Gott sei Dank. Dann lassen sich morgen wenigstens die Reste von der Knallerei leichter auffegen. Wann machst du heute den Laden dicht?“

„Wie immer an Altjahrsabend. Um achtzehn Uhr. Ich kann meine Stammkundinnen doch nicht verprellen.“ Für gewöhnlich war Anitas Frisiersalon bis zweiundzwanzig Uhr geöffnet, sogar an Heiligabend, denn zu ihren Kundinnen zählten auch Damen von St. Pauli, deren Arbeitstag erst in den Abendstunden begann. Nur am letzten Tag des Jahres schloss sie früher die Tür ab, denn dann wollte auch sie wenigstens ein Mal feiern, wenn alle anderen es taten. „Und was ist mit dir?“

„Auch wie immer: Gleich, um fünfzehn Uhr.“

„Hast du was vor?“

„Natürlich. Bis ich das Alter erreicht habe, um vor dem Glotzkasten zu sitzen und bis zum Feuerwerk den Musikantenstadl zu gucken, habe ich noch über dreißig Jahre Zeit. Genau an meinem Fünfundsechzigsten schmeiße ich dann meine Neil Young-Alben weg und sattele auf Gitti & Erica um.“

Anita schüttete sich beinahe aus vor Lachen. „Ach, David, du bist schon einer.“

„Das wär‘ auch zuviel für die Welt, wenn’s zwei von mir gäbe.“ Im Laden klingelte das Telefon. „Du, ich muss rein. Falls wir uns nicht mehr sehen sollten: Guten Rutsch!“

„Danke, dir auch.“

David sprintete zum Apparat. „Meiners?“

„Hallo, David – Jens hier.“

„Hi. Alles klar?“

„Leider nicht – ich muss für heute Abend leider absagen.“

„Och, nee…“

„Is‘ aber so. Ein Kollege hat sich krank gemeldet, und ich muss auf die Lok. Wir sind dieses Jahr chronisch unterbesetzt.“

„Tja, wenn’s nicht anders geht.“

„Tut mir leid.“

„Mir auch.“

Enttäuscht legte David auf. Damit war sein Silvester endgültig ein Reinfall. Dabei war selbst der Klönabend mit Jens bereits eine Verlegenheitslösung gewesen, die sich erst heute Morgen ergeben hatte. Jens‘ fester Freund Tristan war Krankenpfleger und hatte in diesem Jahr Schicht, nachdem er im letzten Jahr frei gehabt hatte..

Das Läuten der Glocke an der Eingangstür lenkte David vom weiteren düsteren Grübeln über den verpatzten Abend ab. Er bediente die Kundin genauso freundlich und lächelnd wie alle anderen, die danach kamen. Um Punkt fünfzehn Uhr war jedoch Schluss mit dem Ladenbetrieb für dieses Jahr. Eine halbe Stunde später hatte er aufgeräumt und schloss den Laden ab. Anders als sonst ging er diesmal nicht in seine Wohnung im Hinterhaus. Er ging in einen Blumenladen und kaufte zwei kleine Gerberasträuße.

Der Besuch auf dem Friedhof in Ohlsdorf am Grab seiner Großeltern gehörte zu seinen Ritualen am 31. Dezember. David hatte eine Kindheit erlebt, wie Außenstehende sie wohl als typisch für ein Kind von St. Pauli betrachteten: Aufgewachsen bei Oma und Opa, weil es kein echtes Elternhaus gab. Damit endete das Typische aber auch schon. Davids Vater war weder Seemann mit einem Mädchen in jedem Hafen gewesen noch hatte seine Mutter ein Lotterleben als „loses Früchtchen“ geführt. Seine Eltern waren beide Lehrer gewesen, deren Unglück eine Lawine auf einer Klassenfahrt nach Oberstdorf geworden war.

David löste ein Ticket und ging auf den unterirdischen Bahnsteig der Station Reeperbahn. Wenige Minuten später rollte die S-Bahn heran. David stieg ein und suchte sich einen Sitzplatz. Die düsteren Tunnelwände sorgten dafür, dass nichts zu sehen war, was Abwechslung geboten hätte. Nun drifteten seine Gedanken doch zu den missratenen Silvesterplänen. Es war wirklich alles schiefgegangen.

Noch bevor sich der Notfallplan mit Jens ergeben hatte, war David eigentlich zu einer großen Party eingeladen gewesen, und das schon seit Ende Oktober. An Heiligabend war das Thema ad acta gelegt worden, weil sich das ausrichtende Pärchen so zerstritten hatte, dass der erste Weg im Januar wohl zum Scheidungsanwalt führen würde. Merry Christmas…

Als David seinen Laden am ersten Tag nach Weihnachten wieder eröffnet hatte, war einer seiner ersten Kunden ein junger Mann gewesen, der gar nichts kaufen wollte. Er war nur auf der Suche nach einer bestimmten Adresse, weil er sich dort eine potentielle Wohnung anschauen wollte. David konnte ihm den Weg beschreiben, doch Nick, so hatte sich der junge Mann mit dem brünetten Surfer Cut und dem schicken Dufflecoat vorgestellt, war nicht gegangen. Vielmehr war er den ganzen Tag geblieben. Gewiss, das Gespräch war immer wieder durch neue Kunden unterbrochen worden, doch es ließ sich nicht leugnen, dass David und Nick sich bis zum Ladenschluss förmlich festgequatscht hatten.

Hinterher wusste David selber nicht mehr genau, wie alles gekommen war, aber als er abends auf seinem Sofa lag und sich durch das Fernsehprogramm zappte, hatte er Schmetterlinge im Bauch, Nicks Telefonnummer in seinem Smartphone und eine Verabredung für Altjahrsabend. Wegen der Uhrzeit und des genauen Treffpunktes wollten sie am nächsten Tag nochmal telefonieren.

„Na, prima“, hatte sich Nick lachend verabschiedet. „Jetzt habe ich zwar heute einen spannenden Menschen gelernt, aber alle meine Wohnungsbesichtigungen verpasst. Egal. Drei Tage muss ich jetzt noch in Köln durchhalten, dann bin ich eh in der Freistellung, bis mein neuer Job hier beginnt, und habe bis Ende Februar Zeit.“

Zum geplanten Telefonat war es nicht mehr gekommen. Denn als David frühmorgens vom Großmarkt zurückgekehrt war, musste er feststellen, dass ihm sein Smartphone dort geklaut worden war.

Super. Ganz toll. Hinreißend.

David hatte nämlich keine Ahnung, wie Nick mit Nachnamen hieß, und die Telefonnummer hatte er sich auch nicht gemerkt. Wozu hatte das Smartphone einen Speicher?

Nick hatte sich natürlich auch nicht mehr gemeldet – die Anrufe gingen ins Leere, und mal eben aus Köln herzukommen… Wahrscheinlich hatte Nick die Pläne selber längst begraben, denn nicht mal heute war er aufgetaucht.

David war ziemlich geknickt, als er seinen Großeltern die Aufwartung machte. Nicht mal der neueste schmutzige Witz vom Kiez, den er seinem Großvater beim letzten Besuch im Krankenhaus versprochen hatte immer am Grab zu erzählen, heiterte ihn auf.

Es war dunkel geworden, bald würden die Friedhofstore abgeschlossen. Lustlos schlurfte David zurück zur S-Bahn. Am Fahrkartenautomat trat er auf etwas, das sich als Herrenportemonnaie entpuppte. Er sah sich um, doch im Moment war er die einzige Menschenseele in der Eingangshalle. Er hob das Portemonnaie auf und untersuchte es. Ein Personalausweis verriet David, dass der Besitzer ein älterer Herr aus Barmbek war.

„Hui, das ist aber mal ein Sümmchen.“ Im Geldscheinfach hatte er fünfhundert Euro entdeckt. Es stand außer Frage, dass er das Portemonnaie dem Besitzer ehrlich und unversehrt zulassen kommen würde, aber er überlegte, ob er es wirklich zur Polizei bringen sollte. Bis das Portemonnaie das amtliche Prozedere durchlaufen hatte, würde mindestens eine Woche vergehen. Vielleicht auch länger, er kannte sich da nicht so aus. Aber er konnte sich nicht vorstellen, dass der alte Herr so lange auf eine solche Menge Geld verzichten konnte. Das war doch vielleicht die komplette Rente für den nächsten Monat. Nach wenigen Sekunden hatte David sich entschieden. Er hatte doch ohnehin nichts vor – was sprach also dagegen, das Portemonnaie persönlich abzugeben?

Eine halbe Stunde später stand David vor einem typischen Barmbeker Mietshaus mit Rotklinkerfassade und läutete.

„Ja, bitte?“ kam es blechern durch die Sprechanlage.

„Guten Abend. Sind Sie Herr Heinrich Roggenburg?“

„Ja. Was wollen Sie denn?“

„Bitte entschuldigen Sie die Störung. Mein Name ist David Meiners, und ich habe in S-Bahn-Station Ohlsdorf ihr Portemonnaie gefunden.“

„Mein Portemonnaie? Wie sieht das denn aus?“

Respekt, dachte David, der Mann ist auf dem Quivive. Könnte ja jeder kommen und behaupten, ein Portemonnaie gefunden zu haben. Und eins, zwei, drei hat wieder ein argloser Senior eins über die Rübe bekommen.

Er beschrieb das Portemonnaie, und mit jedem bestätigenden „Ja“ wurde Herrn Roggenburgs Stimme immer nervöser, bis er schließlich sagte: „Kommen Sie rauf. Dritter Stock links.“

David erklomm die ausgelatschten Treppenstufen, bis er an einer Tür ankam, in der ein sehr gepflegter älterer Herr auf ihn wartete.

„Tatsächlich!“ rief er, als er das schwarze Leder in Davids Hand erblickte. „Das ist mein Portemonnaie! Ich hatte noch gar nicht gemerkt, dass es mir aus der Manteltasche gefallen sein muss!“

„Ich hoffe, es ist noch alles drin“, sagte David. „Ich weiß nicht, wie lange es vor dem Automaten gelegen hat.“

Herr Roggenburg untersuchte das Portemonnaie eingehend, um erleichtert festzustellen: „Alles vollzählig. Sogar das Geld – so ein Glück! Ich will meinem Enkel nämlich ein neues… äh, Smartphone?… kaufen. Sein letztes ist ihm vorgestern runtergefallen und war nicht mehr zu gebrauchen.“

„Das freut mich aber, dass alles so gut ausgegangen ist. Dann mal einen guten Rutsch und alles Gute für das nächste Jahr.“ David wandte sich zum Gehen um.

„Halt, halt, halt!“ rief Herr Roggenburg. „So leicht kommen Sie mir nicht davon. Ein ehrlicher Finder soll auch seinen Finderlohn bekommen!“

David winkte bescheiden hab. „Aber ich bitte Sie, das ist doch Ehrensache.“

Herr Roggenburg ließ sich nicht beirren. „Richtig – Finderlohn ist Ehrensache. Und jetzt kommen Sie vor allem erstmal rein. Ich weiß, Sie als junger Mann haben bestimmt heute Abend was vor. Aber für ein Glas Sekt haben Sie doch bestimmt Zeit, so als kleine Beigabe zum Finderlohn?“

Warum eigentlich nicht? Ein weiteres Mal musste David sich eingestehen, dass er ohnehin nichts besseres vorhatte. „Sekt geht immer“, lächelte er.

„Allerbest. Ich muss die Flasche erst noch aus dem Kühlschrank holen“, sagte Herr Roggenburg. „Aber gehen Sie doch schon mal vor ins Wohnzimmer. Mein Enkel sitzt dort und wundert sich bestimmt schon, wo ich bleibe.“

David ließ sich von Herrn Roggenburg ins Wohnzimmer schieben. Dort saß besagter Enkel auf dem Sofa und schoss in die Höhe, als der Neuankömmling eintrat.

„David?!“

„Nick?!“


© für diese Geschichte 2014 by Gerrit Jan Appel. Alle Rechte, insbesondere der Übersetzung, dramatischen Adaption, Verfielfältigung, Rundfunkübertragung & Tonträgeraufnahme, und des Live-Vortrags, auch auszugsweise, vorbehalten. Handlung, Namen und Personen sowie deren Charakterbeschreibungen sind rein fiktiv und weder nach realen Personen und Ereignissen geformt. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen und Ereignissen wäre rein zufällig.

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