Gesundheit!

3c406dc1-0602-4417-b01c-492d4c8b2dbaBereits gestern hatte Christoph tunlichst Abstand zu Holger gehalten in der Hoffnung, er würde nicht auffallen. Doch als er jetzt gerade beim Frühstück mehrmals neben die Teetasse gegriffen hatte, weil er sie nicht klaren Blickes erkennen konnte, musste er einsehen, dass es besser war, Farbe zu bekennen. „Du, Holgi…?“

„Hm?“ murmelte Holger abwesend, weil er über dem Kreuzworträtsel in der Tageszeitung brütete.

„Zu welchem Arzt gehst du hier auf Fehmarn, wenn’s dir mal nicht so gut geht?“

„Da wäre Doktor Herkens am… Moment! Wirst du etwa krank?“

„Ich will’s nicht hoffen“, sagte Christoph heiser, „aber ich… haaatschi!“

„Hebe dich hinfort, Bazillenbunker. Ab in die Buntkarierten, und zwar im Gästezimmer!“

„Es ist wirklich toll, wie du mit einem Kranken umgehst.“

„Wir haben alle unsere traurigen Geschichten.“

Zwanzig Minuten später lag Christoph unter einem dicken Oberbett. Holger las das Fieberthermometer ab: „Neunddreißig Komma eins… Das kann ja heiter werden.“

Holger sollte recht behalten. Er war keine zwei Minuten in die Küche zurückgekehrt, als Christophs Stimme schwach an sein Ohr drang. „Holgi!“

Holger ging schweren Schrittes zum Gästezimmer und steckte den Kopf zur Tür herein. „Der Patient hat gerufen?“

„Machst du bitte das Fenster zu? Mir ist so kalt.“

Holger machte das Fenster zu.

„Bringste mir auch noch ’ne Decke?“

Holger holte eine Decke.

„Holgi?“

„Ja, bitte?“ brachte Holger mit gepresster Stimme hervor.

„Wenn du mir noch ein Paar Wollsocken…“

Holger brachte ihm Wollsocken.

Fünfzehn Minuten Ruhe, in denen Holger es schaffte, zwei Ladungen Bettwäsche von abgereisten Gästen in die Waschmaschinen zu packen. Kaum von der Waschküche zurückgekehrt, hörte er es wieder: „Holgi…“

Holger stapfte wieder ins Gästezimmer. „Ja, Mylord?“

„Kannst du die Decke wieder wegnehmen? Mir ist so warm.“

Holger nahm die Decke weg.

„Machst du auch noch das Fenster auf? Ist so stickig hier.“

Holger machte das Fenster auf.

„Danke“, drang Christophs Stimme schwach aus den Kissen hervor. „Du bist so gut zu mir.“

„Alles andere würde mich auch für immer hinter schwedische Gardinen bringen.“ Holger ging. Diesmal schaffte es zumindest, bis zum Treppenabsatz im Korridor zu gelangen.

„Holgi…?“

„Was ist denn nun schon wieder?“

„Bringst du mir ’ne Schale Cornflakes?“

Holger holte eine Schale Cornflakes.

„Danke. Holgi…?“

„Hm?“

„Ich hab‘ vergessen dir zu sagen, dass ich gerne ’n paar Rosinen darüber gestreut hätte…“

Holger holte Rosinen.

Und dann, o Wunder, konnte Holger zwei Stunden lang seinen Aufgaben nachgehen; der Patient war scheinbar eingeschlummert. Leider hatte der Schlaf nicht die erholsame Wirkung, die Holger sich erhofft hatte, denn kaum hatte Christoph die Augen wieder aufgeschlagen: „Holgi…?“

Im Stechschritt trat Holger ins Gästezimmer und salutierte zackig wie ein US-Marine. „Sir!“

„Och, verarsch mich doch nicht so“, brachte Christoph weinerlich hervor. „Mir ist langweilig. Kannste mir bitte den tragbaren DVD-Player bringen?“

„Sir! Jawohl, Sir!“

Holger holte das Gewünschte und eine Auswahl von Christophs Lieblingsfilmen. Als er zwanzig Minuten später zufällig an der geöffneten Gästezimmertür vorbeiging, war der DVD-Player ausgeschaltet und der Patient starrte Löcher in die Luft.

„Was ist los?“ fragte Holger. „Ist der Akku leer?“

„Nö, aber ich weiß nicht, was ich gucken soll.“

„Die Sorgen möcht‘ ich haben…“

„Duhuuu, Holgiiiii…“

„Jaaahaaaa…?“

„Haste mich noch lieb…?“

Es gab Dinge, die würde Holger nie begreifen: Christoph war ein Baum von Kerl, über eins neunzig groß, Brustkasten wie ein kanadischer Holzfäller, dazu Oberschenkel, an denen man ein Schiff antäuen konnte, und eigentlich unverwüstlich. Aber sobald er auch nur den Hauch einer Erkältung verspürte, benahm Christoph sich wie ein Lungenpatient, der gleich letzte Grüße aus Davos hustet.

Holger bemühte sich nach Kräften, Geduld zu bewahren, denn für eine Krankheit an sich kann nun wirklich niemand etwas, doch irgendwann war auch bei ihm der Punkt erreicht, an dem seine Sicherungen durchbrannten. Und zwar genau jetzt. Ein diabolischer Gedanke keimte in ihm, der einfach zu gut war, um ihm zu widerstehen. „Natürlich habe ich dich noch lieb“, schnurrte er. „Wir sollten mal wieder Fieber messen.“

„Ja, sollten wir wirklich“, stimmte Christoph mit schwacher Stimme zu. „Es könnte schlimmer geworden sein.“

Schlimmer war es nicht geworden, wie die Messung ergab, doch es war immer noch hoch genug, um Christoph um eine fiebersenkende Tablette bitten zu lassen.

„Kommt gar nicht in die Tüte! Diese ganze Chemie ist Gift für den Körper. Das machen wir mit alten Hausmitteln.“

„O ja, eine schöne Hühnersuppe“, hauchte Christoph.

„Och, da weiß ich noch etwas viel besseres. Penn erstmal noch eine Runde, aber bitte auf dem Sofa. Ich bereite in der Zwischenzeit alles hier vor.“

Als Christoph wenige Minuten später eingeschlafen war, schritt Holger zur Tat: Zuerst legte das Gästebett mit mehreren Lagen Badelaken aus. Dann kramte er verwaschenes Bettlaken hervor, zog es in der Badewanne durch kaltes Wasser und wrang es sorgfältig aus. Dann ging er damit zu Christoph, der inzwischen wieder aufgewacht war.

„Steh mal kurz auf und zieh den Schlafanzug aus.“

„Was ist das?“ Christoph ahnte Übles.

„Wir machen jetzt eine Ganzkörperschwitzpackung mit dir.“

„Ganz bestimmt nicht!“

Holger gab sich unbeeindruckt. „Na, dir scheint’s ja schon um einiges besser zu gehen. Dann kannst du gleich das Gartentörchen bei Apartment vier reparieren, wie du versprochen hast.“

Christoph wusste, wann er verloren hatte, und fügte sich in unter lautem Protest in sein Schicksal. Ungerührt wickelte Holger dem fluchenden Christoph das kalte Laken um den Leib, gefolgt von zwei Strandlaken. Dann half er Christoph ins Bett, deckte ihn mit drei Wolldecken sowie zwei Oberbetten zu und wickelte ihm auch noch einen Wollschal um den Kopf.

„So, und jetzt zwei Stunden lang schön im eigenen Saft schmoren“, flötete Holger lieblich.

Christoph bedachte ihn mit finsteren Blicken. „Du bist schlimmer als Nurse Ratched – und ich bin dir ebenso ausgeliefert wie Jack Nicholson diesem Satansweib!“

Später konnte Christoph nicht leugnen, dass diese Rosskur wirklich geholfen hatte. Schon bei der anschließenden Dusche fühlte er sich wesentlich vitaler, hütete sich aber, das zuzugeben. Am nächsten Morgen schlug er die Augen auf, reckte sich, gähnte ausgiebig und schwang sich aus dem Bett. Er fühlte sich prächtig. Frisch geduscht und gut gelaunt setzte er sich zu seinem Mann an den Frühstückstisch. „Guten Morgen, mein… Ach, du Scheiße.“

Holger saß kreidebleich auf seinem Stuhl. Er zitterte.

„Was ist denn mit dir los?“

„Es ist nichts – überhaupt gar nichts“, krächzte Holger und schnäuzte hörbar in ein Taschentuch.

„Hast du dich etwa bei mir angesteckt?“

„Nee, ich mach das bloß aus Langeweile!“

„Ist klar, deswegen siehst du aus wie Sauermilch mit Spucke!“ Christoph rieb sich tatendurstig die Hände. „Tja, das heißt dann nun wohl für dich: Husch ins Bettchen!“

„Is vun alleen kamen, mutt ook vun alleen wedder weggohn!“ Holger machte Anstalten aufzustehen, schwankte aber wie ein Kutter bei kabbeliger See. Christoph fing ihn auf und befahl: „Marsch in die Koje!“

Das Martyrium begann erneut, allerdings mit anderen Vorzeichen. Christoph wollte sich für Holgers Geduld revanchieren und gab sich rührende Mühe, seinen Liebsten zu umsorgen, doch er kam gar nicht dazu.

„Holgi, möchtest du einen Tee?“

„Danke, ich hab‘ schon so viel von dem Zeug intus, dass mein Magen sich mit den Gezeiten heben und senken wird. Lass mich einfach in Ruhe.“

„Soll ich dir ein Buch bringen?“

„Wie soll ich mit tränenden Augen lesen können?“

„Soll ich dir noch eine Decke bringen?“

„Danke, aber mir ist schon jetzt viel zu warm.“

„Möchtest du einen Schal?“

„Damit ich dich strangulieren kann?“

„Brauchst du sonst etwas?“

Allmählich kam Holger sich vor wie Peter Frankenfeld in einem seiner Sketche und giftete: „Papi geht’s gut!“

„Ich soll dir also nicht…“

„RAAAAUUUUS!!!!“

Christoph zog den Kopf ein, wodurch das Kissen, das Holger trotz gesundheitlichen Handicaps mit einer erstaunlichen Präzision geworfen hatte, sein Ziel verfehlte und im Korridor landete, wobei es ein Bild von der Wand riss und zu Boden fegte.

Die Botschaft war angekommen: Lasst mich in Ruhe, und niemand wird verletzt! Christoph blieb dem Krankenzimmer künftig fern. Umgekehrt wollte das so gar nicht gelingen, immer wieder tauchte Holger in der Küche auf.

„Was willst du?“ fragte Christoph.

„Ich bin doch heute dran mit Kochen.“

Christoph schob Holger wortlos zur Tür hinaus. Das Spiel wiederholte sich ein paarmal, bis Christoph die Nase voll hatte und seinem Schatz einen steifen Grog machte, in den er neben dem obligatorischen Rum auch einen gehörigen Schuss Wodka rührte. Nicht nur Holger brauchte Ruhe, sondern auch er selber.

Das Rauschen der Dusche verriet Christoph, dass Holger aufgestanden war. Er ging nach oben ins Bad. „Wieder fit?“

„Geht so“, sagte Holger langsam. „Die Erkältung scheint fast passé zu sein. Keine Triefnase mehr, aber mein Kopf! Ich komme mir vor, als wäre ich gestern auf Sauftour mit einem westfälischen Kegelclub gewesen.“

Christoph hütete sich, den wahren Grund für den Kater kundzutun. Er wenig plagte ihn sogar das schlechte Gewissen; vielleicht hatte er den Wodka doch ein bisschen zu großzügig abgemessen, denn meist vertrug Holger das Zeug ohnehin nicht, was schon öfter zu kuriosen und peinlichen Szenen geführt hatte. Stillschweigend holte er ein großes Glas Orangensaft und zwei Aspirin. Er klopfte von außen an die Duschkabine. „Mach mal auf.“

Holger schob die Tür zur Seite. Er warf die Tabletten ein und trank den Saft auf ex. „Wenn das nicht hilft…“

„Glaub mir, das wird helfen.“ Christoph nahm das leere Glas entgegen, machte aber keine Anstalten, das Bad zu verlassen.

„Was ist?“ wollte Holger wissen.

„Eigentlich müsste ich auch noch duschen.“

„Warst du noch nicht?“

„Doch, aber da war keiner, der mir den Rücken geschrubbt hat.“

„Deine Antörnversuche waren schon mal besser. Rupf dir doch einfach die Plünnen vom Leib und komm rein, wenn du mich unbedingt unter der Dusche vernaschen willst.“

Was Christoph dann auch tat.

Dies ist ein Platzhalter.

© für diese Geschichte 2011 by Gerrit Jan Appel. Alle Rechte vorbehalten. Eine Leseprobe aus meinem Buch “HamburGaynsien”. Handlung, Namen und Personen sowie deren Charakterbeschreibungen sind rein fiktiv und weder nach realen Personen und Ereignissen geformt. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen und Ereignissen wäre rein zufällig.

Zurück zu den Leseproben

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.