Advent, Advent

Sonnabend, 7. August

„Schokoladennikoläuse und Lichtschutzfaktor dreißig!“ nörgelte Holger. „Das passt einfach nicht.“

In Sommerkleidung flanierten die Menschen über die Mönckebergstraße. Nach einem durchwachsenen Frühsommer hatte sich das Wetter nun mächtig ins Zeug gelegt. Holger war an diesem Nachmittag nicht der einzige, der mit einer Eistüte anzutreffen war. Lediglich sein Begleiter fiel aus dem Rahmen: Sobald die in den Geschäften die ersten Packungen mit Dominosteinen auftauchten, erklärte Christoph die Vorweihnachtszeit für offiziell eröffnet. Folglich wühlte er jetzt in einer Tragetasche und schob sich eine Pfeffernuss in den Mund. Bei siebenundzwanzig Grad im Schatten!

20141207-2„Oh, die sind ja herrlich“, rief Holger und zeigte in eine Ecke des Schaufensters, dessen Auslage er gerade begutachtete. „Um vierzig Euro runtergesetzt…“

„Pfui. Böser Holger.“ Christoph gab ihm einen Klaps auf die Finger. „Du kriegst dieses Jahr keine Flip-Flops mehr. Acht Paare sind wirklich mehr als genug, du manischer Myriapode. Komm!“ Energisch zog Christoph Holger weiter. Sie verließen die Einkaufsmeile und schlenderten zum Viertel rund um die Große Bleichen.

„Lasch unsch mal da rein gehen“, nuschelte Christoph, diesmal auf einer Marzipankartoffel kauend.

Da rein war der örtliche Ableger einer britischen Warenhauskette, die unlängst begonnen hatte, sich auch in hiesigen Breitengraden zu etablieren. Obwohl er – hanseatischer ging es kaum – zwischen dem Kontorhaus einer Reederei und einem Austernrestaurant lag, verspürte man schon beim Übertreten der Türschwelle Londoner Flair. Selbst das Personal schien samt und sonders aus merry old England importiert zu sein: Distinguiert aussehende Herren im perfekt sitzenden Anzug und mit Ziertuch im Sakko; die Damen in weißen Blusen und eleganten Röcken mit zugehöriger Weste.

Holger und Christoph durchquerten das Erdgeschoss. In der weisen Einsicht, dass ihnen weder crèmefarbene Pumps noch wagenradgroße Hüte stehen würden, strebten sie geradewegs auf die ausladende, elegant geschwungene Treppe zur Herrenabteilung zu.

Mag die Natur auch gelegentlich aus dem Takt kommen, die Mode bleibt ihrem Kalender treu, darum hing trotz sommerlicher Temperaturen auch weiterhin der erste Schwung Winterware auf den Kleiderständern. Christoph liebäugelte mit einem Kaschmirmantel, auf den er in edler Selbstbescheidenheit verzichtete, nachdem er das Preisschild entdeckt hatte. Holger trennte sich seinerseits von dem Gedanken, seine Wintergarderobe mit einem Pullover aus feinster Merinowolle aufzuwerten. Über den Winter standen genügend andere Kosten an. Stattdessen nahm er ein paar Unterhosen mit.

Mit seiner Ausbeute schlenderte er zu Christoph hinüber, der zwischenzeitlich sämtliche Sockenbestände durchwühlt hatte. Ungefähr fünfzehn Paare hatte er bereits in der Hand, und noch immer schien er mit dem Zuladen nicht fertig zu sein.

„Habe ich gestern irgendetwas in den Nachrichten verpasst?“ fragte Holger.

„Warum?“

„Tja, offenbar scheint es unbefristetes Embargo gegen Sockenimporte zu geben“, meinte Holger lakonisch. „Oder warum sonst kaufst du für die nächsten zehn Jahre auf Vorrat ein?“

„Tünkram. Die sind für Weihnachten.“

„Ich dachte, wir schenken uns mit unseren Eltern gegenseitig nichts?“

„Tun wir ja auch nicht. Aber du und ich schenken uns doch etwas, oder?“

„Klar, aber du brauchst dir doch deine Geschenke nicht selber zu kaufen. Außerdem hab‘ ich längst etwas für dich.“ (Zur Erinnerung: Es war gerade Anfang August!)

„Habe ich gesagt, dass die Socken für mich sind?“

Manchmal ist es besser, weiterhin aneinander vorbei zu reden, um Komplikationen zu vermeiden, selbst wenn man das Missverständnis inzwischen bemerkt hat. Doch wider besseres Wissen stellte Holger die Situation jetzt richtig: „Ich hoffe, die Dinger sind nicht mir zugedacht, denn dann sitzt du an Heiligabend alleine unter dem Weihnachtsbaum.“

„Was soll das heißen?“ fragte Christoph düster.

„Dass ich es absolut hasse, wenn man mir so genannte nützliche Geschenke macht. Da Weihnachten nun mal das Fest der Freude ist, möchte ich auch Geschenke bekommen, über die ich mich wirklich freuen kann. Pullover oder eben Socken fallen aber garantiert nicht unter diese Kategorie.“

Während Holgers kurzen Monologs war Christophs Miene zusehends versteinert. „Dann kauf dir deine Scheiß-Geschenke doch alleine!“ Mit einer abrupten Bewegung warf er sämtliche Socken auf den nächstbesten Warentisch (Krawatten, das Stück zu vierzehnfünfundneunzig) und stürmte aus dem Laden. Sekunden später war er von der Menschenmenge verschluckt worden.

„Martha, Martha, du entschwandest!“ Verdutzt starrte Holger die leere Treppe hinunter.

Als Holger drei Stunden später in die Wohnung auf St. Georg zurückkehrte, freute sich nur Corgi Charly über das Wiedersehen; Christoph war noch nicht wieder aufgetaucht. Holger seufzte und kochte sich einen Kaffee, mit dem er sich auf das Sofa kuschelte. Mit einem Satz sprang Charly zu ihm und rollte sich auf seinem Schoß ein. Grübelnd kraulte Holger seinem Vierbeiner den Nacken.

Es war noch gar nicht so lange her, seit Holger und Christoph entdeckt hatten, dass sie weitaus mehr verband als ihre langjährige platonische Freundschaft. Nach einigem Durcheinander hatten sie sich als Paar wiedergefunden. Es war klar, dass es früher oder später den ersten Krach geben würde; alles andere wäre bei einer Beziehung unnatürlich gewesen. Aber dass sie sich ausgerechnet wegen Socken fetzen würden…

Auch die Nacht verbrachte Holger allein. Sorgen machte er sich deswegen keine. Christoph zog sich immer in das kleine Hinterzimmer seines Ladens zurück, wenn er in Ruhe schmollen wollte. Holger fand es nur schofelig, dass er nicht wenigstens per SMS informiert wurde. Aber er würde sich auch davor hüten, auf demselben Wege nachzufragen. Sie waren eben typische Stiere.

Sonntag, 8. August

Am nächsten Morgen war Christoph noch nicht nach Hause zurückgekehrt. Achselzuckend zog Holger sich Sportklamotten über und drehte seine übliche Runde um die Außenalster. Charly begleitete ihn. Als die beiden in die Wohnung auf St. Georg zurückkehrten, stand Christoph in der Küche und schrubbte einen Topf, in dem ihm gestern Morgen Milch angebrannt war.

„Moin“, grüßte Holger.

„Moin“, erwiderte Christoph.

„Das Wetter ist wieder richtig klasse heute.“

„Ja, obwohl ich gehört habe, dass es heute Abend regnen soll.“

„Och, so’n büschen Regen tut der Natur ja auch ganz gut.“

„Das ist wohl wahr. Auch die zweite Sommerernte könnte kurz vorher noch einen ordentlichen Guss gebrauchen.“

„Wie lange wollen wir uns noch vor dem Thema drücken, vor dem wir uns gerade so erfolgreich drücken?“

„Ich weiß nicht, worauf du anspielst.“ Christoph beschäftigte sich weiter mit seinem Topf.

„Nu‘ komm… Auch wenn du nicht mit Drahtbügeln um dich geprügelt hast, war deinem Auftritt gestern eine gewisse Ähnlichkeit mit Joan Crawford nicht abzusprechen.“

„Ich war halt ’n büschen nervös, das ist alles. Kein Grund, so’n großes Hallo darum zu machen.“

„Wenn du schon nicht mit mir reden willst, dann hör wenigstens zu. Zugegeben, ich war nicht unbedingt diplomatisch. Aber Kleidungsstücke als Geschenk sind wirklich ein rotes Tuch. Geschenke waren in meiner Familie immer für Dinge reserviert, die man sich eben nicht im Alltag gekauft hat.“ Etwas nachdenklich verlor Holger sich in Erinnerungen: „Ich weiß noch genau, dass ich mir von Tante Meta mal ein bestimmtes Buch gewünscht habe. Kostete nur sechs Mark achtzig. Doch was bekam ich? Einen Frottee-Pyjama! Zwar von einer ziemlich guten Marke, aber fast zehnmal teurer als das Buch und hässlicher als die Sünde. Das tat dermaßen in den Augen weh, dass es fast schon waffenscheinpflichtig war.“

Holger schüttelte sich. „So ging’s uns mit allen Anverwandten. Glaub‘ mir, das prägt. Selbst wenn du’s jetzt nicht nachvollziehen kannst – ist es nicht besser, ich schenke dir jetzt reinen Wein ein statt an Heiligabend meine Geschenke mit immer länger werdendem Gesicht auszupacken und du sofort merkst, dass ich lüge, wenn ich versichere, wie sehr ich mich freue?“

Von Christoph kam ein widerwilliges Brummen, das Holger als Zustimmung auslegte. „Peace?“

„Peace.“

Freitag, 27. November

Holger schloss sein Auto ab. Einen Parkplatz direkt vor dem Haus auf der Langen Reihe zu bekommen, war wie ein Sechser im Lotto. Mit Charly im Schlepptau erklomm er leichtfüßig die Stufen im Treppenhaus. Er hatte kaum die Wohnungstür aufgeschlossen, als er mit starkem Griff am Arm gepackt und kraftvoll von der Diele in die Küche geschoben wurde.

„Huch, junger Mann!“ rief Holger aus. „Sie sind ja so stürmisch!“

„Klappe halten, hinsetzen, warten“, lautete Christophs knapper Befehl, mit dem er Holger auf einen Küchenstuhl drückte. Dann stürmte er aus der Küche und schloss nachdrücklich die Tür hinter sich. Holger tat, wie ihm geheißen, auch wenn er sich fragte, was dieses Affentheater sollte.

Charly verzog sich in aller Ruhe in sein Körbchen im Wohnzimmer. Er war es gewohnt, dass seine beiden Menschen gelegentlich nicht alle Tassen im Schrank hatten.

Eine Viertelstunde später flog die Küchentür wieder auf. Mit einem Schal in der Hand trat Christoph ein. „Augen zu.“

„Dürfte ich zuerst duschen, bevor du mich auf die Matte schmeißt?“ fragte Holger.

„Du bist schrecklich! Hinter allem vermutest du gleich ein sexuelles Vorspiel! Zu schade, dass deine Ohren nicht größer sind.“

„Warum?“

„Dann könnte ich eine Zahnbürste reinschieben und dir dein verlottertes Gehirn ausbürsten!“ Christoph fixierte ihn aus zusammengekniffenen Augen. „Auch wenn es dich enttäuscht, mein Vorhaben ist ganz und gar keusch. Und jetzt mach endlich deine lodderigen Ankerklüsen dicht!“

Holger gehorchte. Christoph band ihm den Schal vor die Augen und führte ihn aus der Küche. Vorsichtig schob er Holger ins Schlafzimmer. „Kopf einziehen.“ Er legte die Hände auf Holgers Schultern und drückte ihn nach unten. Es sah ziemlich bescheuert aus, als Holger noch drei Schritte im Entengang durch das Schlafzimmer watscheln musste. „Und wieder nach oben!“ befahl Christoph.

Holger richtete sich auf und stellte fest, wie unbehaglich er sich fühlte. Zudem merkte er, dass etwas um seinen Kopf herum baumelte. Wenn er links dagegen stieß, spürte er etwas Hartes. Zwar hatte er unlängst geäußert, wieder ein wenig mehr für seine Figur tun zu wollen, aber für einen Sandsack war es zu schmal. Das Gebaumel rechts war butterweich – so wie die Schlange aus Wolle, die seine Mutter für ihn vor Urzeiten als Türvorleger gegen Zugluft gestrickt und dann mit Stoffresten gefüllt hatte. Was sollte das Ganze nur?

„Augen zulassen!“ ordnete Christoph an und löste den Knoten im Schal. Als er ihn ganz abgenommen hatte, sagte er: „Jetzt kannst du die Augen aufmachen.“

Langsam und misstrauisch hob Holger die Lider. Dann sah er nur noch Socken. Sein ganzer Kopf war von Socken umzingelt, die von einem mit Tannengrün umwickelten Kranz herabhingen, der an der Zimmerdecke befestigt war.

„Was ist denn das?“

Christoph lachte sich über Holgers dusseliges Gesicht halbtot. „Zähl doch mal durch!“

Also zählte er. Es waren zwölf Paar Socken; das machte vierundzwanzig einzelne… Und in allen steckte etwas drin: „Das soll ein Adventskalender sein!“

„Du merkst aber auch alles!“ lachte Christoph – und Holger fiel mit ein, bevor seinen Partner stürmisch umarmte und sich mit ehrlicher Freude bedankte.

Merke: Manchmal kann man jemandem auch mit etwas Verhasstem eine Riesenfreude bereiten. Es kommt nur auf die richtige Darreichung an.

© für diese Geschichte 2011 by Gerrit Jan Appel. Alle Rechte vorbehalten. Eine Leseprobe aus meinem Buch „HamburGaynsien“. Handlung, Namen und Personen sowie deren Charakterbeschreibungen sind rein fiktiv und weder nach realen Personen und Ereignissen geformt. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen und Ereignissen wäre rein zufällig.

 

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