Da ist was Wahres dran!

An Klischees nämlich. Da in diesem Fall ich das spezielle Klischee des heutigen Artikels repräsentiere, möchte ich a priori klarstellen, dass ich dieses bewusst erfülle, allerdings nicht um des Klischees Willen, sondern weil ich gewisse Dinge einfach für selbstverständlich halte.

Vielleicht sollte ich ganz von vorn beginnen: Gestern habe ich meinen Mann ins Krankenhaus gebracht. Nicht wegen der üblichen kleinen Sache, sondern wegen einer OP. Nichts wildes. So klein, dass er heute schon wieder nach Hause kommt. Alles easy.

Das Blöde an OP-Terminen ist oft, dass man zwar schon um Viertel vor sieben morgens nüchtern bei der für das jeweilige Leiden zuständigen Fakultät im Krankenhaus aufschlagen soll, aber niemand weiß, wann es wirklich losgeht. Die vornehmste Eigenschaft ist dann natürlich: Warten. Für den Angehörigen ist das allenfalls sterbenslangweilig, doch der Patient liegt mit knurrendem Magen, ausgetrocknetem Mund und bei entsprechender Neigung auch mit schmachtender Lunge in diesem neckischen arschfreien Engelshemdchen rum und wartet. Und wartet. Und wartet. Um vierzehn Uhr ist mein Mann dann gestern endlich abgeholt worden…

Unterdessen kommt man mit einigen Leuten ins Gespräch. Der Dame vom Reinigungsteam etwa, die einem auf höfliche Anfrage bereitwillig ihr eindrucksvollen Industriewischer erklärt – wenn ich das Teil zuhause hätte, wären meine Böden in der Hälfte der Zeit dreimal so gründlich gewischt wie jetzt!

Weil sich die Wartezeit zieht, gibt es noch mehrere Möglichkeiten zum kleinen Schnack, bei dem man auch die wenig bekannte Abkürzung zum Raucherpavillon auf der Dachterrasse erfährt, dass man sich für das morgige Mittagessen auf jeden Fall den Fisch bestellen soll, der sei besser als das ständig zu dröge Huhn, und welche Nachtschwester am nettesten ist.

Apropos nett: Hektisch geht es auf der Station zu, personalmäßig ist man unterbesetzt und arbeitet am Limit. Das merkt man schon während dieser ersten Stunde, als wir noch im Wartebereich sitzen, weil das Bett noch nicht bereitsteht. Trotzdem verlieren Ärzte wie Pfleger in keiner Sekunde die Höflichkeit und das Engagement und denken auch an Dinge wie „Nehmen Sie sich doch bitte einen Kaffee!“ Das erlebt man nicht überall und muss daher positiv hervorgehoben werden.

Als ich nach dreieinhalb Stunden Wartezeit nachfrage, ob der Zeitpunkt für den Aufbruch in den OP endlich abzusehen wäre, da mein Mann zur Vorbereitung ein bestimmtes Medikament bereits vor drei Tagen absetzen musste, es aber auch nicht allzu lange abgesetzt bleiben dürfe, bittet die Pflegerin mich um einen Moment Geduld, sie müsse kurz noch das-und-das erledigen. In der Zwischenzeit halte ich einer anderen Pflegerin die Tür auf, als sie die Frühstückstabletts der Zimmernachbarn meines Mannes raus schafft. „Danke“ – „Bitte sehr, gern geschehen!“

Ich verschwinde kurz, als die Raumpflegerin nun das Zimmer meines Mannes durchfeudeln will. Als sie fertig ist, sagt sie: „Wenn Sie möchten, können Sie jetzt wieder rein.“ Ich lehne ab: „Ein paar Minuten bleibe ich noch hier draußen auf dem Gang, bis alles wieder trocken ist. Tut ja nicht not, dass ich ihnen gleich wieder den Straßendreck unter meinen Schuhen in das frisch gewischte Zimmer trage, wenn der Boden noch ’n büschen feucht ist.“ Sie strahlt mich an.

Keine fünf Minuten später kommt die Pflegerin zurück und gibt Entwarnung wegen der Medikamente – alles gut.

Später bin ich dann auf dem Weg in die Cafeteria (selbst der geduldigste Mensch braucht ir-gend-wann mal ’n Brötchen zu seinem Kaffee!). Vor mir stehen zwei Pflegerinnen von der Station und warten ebenfalls auf den Aufzug. Sie bemerken mich nicht und sprechen ungefiltert.

„Die beiden Schwuppis, die grade gekommen sind, sind ja echt toll.“ – „Ja, ne? So freundlich. Aber das ist immer so, wenn Schwuppis kommen. Die sagen Bitte und Danke und sind überhaupt viel freundlicher als andere. “ – „Manchmal denke ich: Können wir nich‘ nur Schwuppis kriegen?“ – „Ja, ne?“

Wir können besser kochen, dekorieren, zuhören, sind Shoppingweltmeister, kennen die Dialoge sämtlicher Folgen unserer aller Lieblingsserie auswendig und beten Judy Garland an. Dagegen sind wir zu blöd, auch nur eine lockere Schraube wieder anzuziehen, außerdem haben wir nahe am Wasser gebaut und sind ausschließlich in den Berufen Friseur – Krankenpfleger – Klamottenverkäufer – Florist zu finden.

Diese und zig andere Klischees umgeben uns. Wer mit Humor und Selbstironie gesegnet ist, nimmt die positiven wie negativen Klischees gutgelaunt an und erfüllt damit obendrein das weitere Klischee, dass wir immer gut drauf und nie um einen pfiffigen Spruch verlegen sind.

So macht das Klischee beiden Seiten Spaß und let’s face it: An jedem davon ist auch irgendwie immer ein klitze-, klitze-, klitzekleines bisschen was Wahres dran.

Nur mit dem Klischee, dass wir höflicher sein sollen als scheinbar viele andere, fühle ich mich unwohl. Ob es wirklich stimmt, weiß ich nicht. Aber es wird offenbar zumindest so empfunden. Finde ich doof. Gute Manieren sollten unabhängig von bestimmten Personengruppen universelle Anwendung finden – und kein Klischee sein.

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