Stornierte Reise

Von den Amsterdamse Grachten sang Wim Sonneveld, Louis Davids erzählte gemeinsam mit Johnny Jordaan und Tante Leen vom Leben Bij ons in de Jordaan, seine Schwester Henriette „Heintje“ Davids (die so oft auf ihre „wirklich allerletzte Tournee“ ging und dann doch wieder ein Comeback startete, dass man ein ganzes Phänomen nach ihr benannte) trällerte von einer Draaiorgel (Drehorgel), und natürlich sollen die von Mieke Telkamp besungenen Tulpen uit Amsterdam nicht vergessen werden.

Es gibt so einiges an Liedern über die ganze Stadt Amsterdam oder ihre Viertel wie den Jordaan und ihre Sehenswürdigkeiten wie die Drehorgeln. Andere Ortschaften haben es da deutlich schwerer, auch nur mit einer einzigen Hymne geehrt zu werden. Über den Ort Wormerveer, der ein Teil der Gemeinde Zaanstad ist und ca. 15 km Luftlinie von Amsterdams Amüsiermeile um den Leidseplein entfernt liegt, gibt es meines Wissens nach keinen eigenen, durch Schallplatten populär gewordenen Lobgesang. Der wichtigste Erwerbszweig von Wormerveer waren und sind die Ölmühlen – die heute natürlich hochmoderne Anlagen und nur wenig pittoresk sind.

Von den klassischen Windmühlen, wie man sie mit den Niederlanden allgemein und der Provinz Noordholland im Besonderen verbindet, findet man allerdings noch einige Exemplare in dem ebenfalls zu Zaanstad gehörenden Museumsdorf De Zaanse Schans. Der Name Zaan kommt übrigens deswegen so oft vor, weil der gleichnamige Fluss durch die Gemeinde fließt.

Nein, Wormerveer ist wirklich keine der wichtigsten Städte. Meine Interesse an diesem Nest besteht einzig darin, dass dort ein Teil meines über halb Nordeuropa verstreuten Clans ansässig war. Die Besuche vor allem bei meinem Onkel Tjipke, genannt Jip, und meiner Tante Selma mit Stippvisiten bei Tante Klara, Tante Jo, Tante Gré & Onkel Flip und Tante Truus & Onkel Cas gehören zu den schönsten Erinnerungen meiner Kindheit. Besuche in De Zaanse Schans, Badeausflüge nach Egmont aan Zee, durch Volendam bummeln… Es war eine Zeit, in der Vanille Vla, Rozebottel Jam (Hagebuttenmarmelade) und Zalmsla – ein Gericht aus Lachs, hartgekochten Eiern, Slasaus [niederländische Salatcreme] und Stampfkartoffeln – ganz besondere Dinge waren, auf die man sich monatelang freute, weil man die Sachen an sich oder die Zutaten nicht wie heute mal so eben in seinem eigenen Supermarkt besorgen konnte. Die Shoppingtouren am Wochenende und an deutschen Feiertagen mit dem Regionalexpress nach Venlo,  Enschede, Winterswijk oder Delfzijl waren damals noch nicht üblich.

Die Altvorderen haben recht gehabt: Je älter man wird, desto öfter verspürt man den Wunsch, noch einmal besondere Orte aus der Jugend aufzusuchen. Schon lange habe ich den Wunsch verspürt, ein einziges Mal noch nach Wormerveer zu fahren – das letzte Mal ist 25 Jahre her, und da blieb wegen der Beerdigung des letzten Verwandten keine Möglichkeit, auf Nostalgiepfaden zu wandeln. Aber jetzt könnte ich ja. Was hält mich davon ab?

Nein, es liegt nicht an den Veränderungen, von denen es so einige gegeben hat: Grenzkontrollen gibt es nicht mehr, der zumindest für einen Zehnjährigen sensationelle Bahnübergang mitten auf der Autobahn zwischen Zevenaar und Utrecht ist durch eine strunznormale Unterführung ersetzt worden, und der am Ufer der Zaan fest vertäute ehemalige Ausflugsdampfer beherbergt kein solides Café mehr, sondern ein Amüsiertheater mit Travestie und Tabledance.

Das Problem liegt in dem, was unverändert geblieben ist. Einer der Vorteile des WWW ist, dass man sich damit so gut auf Reisen vorbereiten kann. Dank einiger besonderer Funktionen bei den Kartendiensten kann man sogar virtuell durch einige Straßen „hindurchfahren“, lange bevor man selbst live dort ist. Genau davon habe ich Gebrauch gemacht, als ich überlegte, wie sich eine kleine Reise in die Vergangenheit am besten realisieren ließe. Ich startete Streetview an der Ölmühle, in deren Nähe der Lebensmitteladen gelegen hatte, bei dem mein Onkel und meine Tante immer eingekauft hatte. Den Laden gibt’s natürlich auch nicht mehr. Von der Ölmühle aus „fuhr“ ich über die Brücke über die Zaan, bog am Bahnhof auf die Hauptstraße in Richtung Koog an de Zaan ab und folgte ihr, bis ich das alte Viertel erreicht hatte. Rechts ab, rüber über die kleine Brücke der Gracht, welche das Viertel umschließt, noch einmal rechts ab und dann dem Weg bis zur gewünschten Adresse folgen. Und da fiel mir der Kinnladen runter. Laut Info am Bildrand war dieses Streetview vor ziemlich genau einem Jahr erst aufgenommen worden – und doch sah es dort so aus, als wäre die Zeit vor fünfundzwanzig Jahren stehengeblieben. Der kleine Vorgarten, das große Wohnzimmerfenster, die rote Haustür… Selbst an dem Haus von Tante Jo zwanzig Meter weiter längs hatte kein bisschen der Zahn der Zeit genagt.

Da war mir klar: Diese Reise würde erstmal nicht stattfinden. Nach so vielen Jahren vor dem unverändert vertrauten kleinen Haus zu stehen und Fremde statt Onkel Jip und Tante Selma dort rauskommen zu sehen – das wäre einfach eine zu große Enttäuschung gewesen…

 

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