Die hohe Kunst der Selbstblockade

Genau neun Monate nach dem hohe Wellen schlagenden Coming out von Thomas Hitzlsperger ist anscheinend wieder Ruhe bei bei allen Beteiligten eingekehrt. Business as usual scheint wieder an der Tagesordnung zu sein: Bunte Aktionen bei CSD-Paraden und eher nüchterne Dinge wie Talkshowauftritte der „üblichen Verdächtigen“. Ab und zu erreicht ein Musikvideo etwas mehr Aufmerksamkeit, wird wie geschnitten Brot im Social Network angepriesen und alle weisen darauf hin, wie wichtig das Video sei, man es unbedingt teilen müsse und wie schön es wäre, wenn der im Song angesprochene Tag doch endlich kommen würde. Dazu ganz viele „Likes“ bei Statusmeldungen mit Solidäritätsbekundungen. Dabei bleibt es dann meist auch.

Kürzlich gab es einen Handlungsstrang gegen Homophobie und homophobe Lehrpläne in der ältesten deutschen Daily Soap, doch wo ist das hauptsächlich zu finden gewesen? Auf den Fanseiten der Daily Soap an sich, und ich hab’s in Just Dave’s Blog gefunden. Aber dort, wo sonst auch über diese Sendung gesprochen wird, z. B. auf den Startseiten von eMail-Providern, die sich hauptsächlich über Werbung und Klatsch aus gerade solchen TV-Sendungen finanzieren und wegen ihres Gratiszugangs entsprechend viele Menschen ansprechen, war nichts zu lesen. Selbst wenn man es im Nachhinein per Suchmaschine ausfindig machen will, ist die Ausbeute eher dürftig.

Schade, dass auch die schwule „Gemeinschaft“, die den Schritt von Herrn Hitzlsperger so kontrovers diskutiert und somit das Generalthema eine Zeit lang lebendig gehalten hat, wieder so leise geworden und vielerorts in ihre alten Muster zurückgefallen zu sein scheint. Selbst von der vor fünf Monaten nach ihrem Sieg beim ESC noch als Galionsfigur gefeierten Conchita Wurst wird nicht mehr soviel gesprochen.

Es wird wohl noch eine ganze Weile dauern, bis wir im Zeichen des Regenbogens wirklich so in der Gesellschaft angekommen (nicht assimiliert!) sind, dass wir nur noch auffallen wie das Wappentier der ostfriesischen Nationalflagge*.

Das Problem ist bisweilen hausgemacht: Bereits zum diesjährigen Hafengeburtstag in Hamburg habe ich mich gewundet, warum es eine gesondert abgeteilte Gay-Area geben sollte. Auch zum unlängst zu Ende gegangenen Oktoberfest in München häuften sich in der „Community“ wieder die überschwänglichen Bekundungen, wie sehr man sich auf den reinen Gay-Abend freue.

Rufe nach Akzeptanz, Gleichberechtigung, Integration und Toleranz also hier, genussvoller Verzehr von Extrawürsten aber dort…? Da suche ich die Sinnhaftigkeit und frage mich, was hinter dem Enthusiasmus für rein schwule Areas auf Hafengeburtstag, Oktoberfest und was es sonst noch an großen Volksfesten gibt, steckt. Selbstbetrug? Angst vor der eigenen Chuzpe? Das blinde Auskeilen dessen, der unzufrieden mit sich selbst ist? PartyPartyParty-Egoismus? Oder „nur“ Gedankenlosigkeit?

Eigentlich ist es doch ganz einfach: Verzicht auf die Extrawürste, sich nicht hinter Promiidolen verstecken und rein in die Mitte. Sich sicht- und bemerkbar machen. Ohne großes Trara. So, wie man sich im Zug auf dem nächsten freien Sitzplatz niederlässt. Ein Foto vom Herzallerliebsten auf den Schreibtisch stellem. Kommentarlos, ohne dramatische Gesten. „Ich war mit meinem Mann am Wochenende im Kino“ genau so selbstverständlich sagen, wie der heterosexuelle Kollege „mit meiner Frau“ sagt. Auf ________________ (hier Volksfest nach Wahl einsetzen) mit allen anderen zusammen feiern oder gar nicht.

Der Rückzug in die eigenen Kasten setzt die falschen Signale. Wer nicht wie eine fremde Spezies behandelt werden will, tut sich selbst keinen Gefallen, wenn er sich genau so verhält. Oder?

Doch so einfach ist es scheinbar dann wohl wieder nicht. Denn müsste sich nicht zunächst intern, in der sogenannten „Gemeinschaft“, eine ganze Menge ändern? Etwa die Diskriminierung untereinander? „Bears“ gegen „Boys“, „Jeans & T-Shirt“ gegen „Leder“ und „Fummel“, Bartträger gegen Freunde der gepflegten Rasur, Conchita Wurst-Fans gegen jene, die andere Musik bevorzugen, und so weiter. Selbst die Organisatoren von CSD-Veranstaltungen, denen ja eigentlich gerade an Gemeinsamkeit und Miteinander gelegen sein sollte, sind in einigen Städten so zerstritten, dass es Konkurrenzveranstaltungen gibt.

Man sitzt im selben Boot, doch jeder rudert in eine andere Richtung? Es ist erschreckend, mit welcher Feindseligkeit die einzelnen Gruppen sich bisweilen gegenüberstehen. Die eine gönnt der anderen kaum das Schwarze unter den Fingernägeln oder den Lack darauf. Dagegen wirkt der aktuelle Konflikt Deutsche Bahn gegen GdL (die auch grade dabei ist, sich selbst das Wasser abzugraben, wie Spiegel Online sehr treffend feststellt) wie ein gemütliches Kaffeekränzchen.

In meinem Bekanntenkreis gibt es ein Paar, dem ich für die Erlaubnis danke, folgende Begebenheit wiedergeben zu dürfen. Die beiden – nennen wir sie Butch und Sundance – sind äußerlich zwei völlig verschiedene Typen: Butch ist über Fünfzig, etwas bullig, gut behaart, also ein „Bär“ nach Definition der „Gemeinschaft“. Sundance ist Mitte Zwanzig, schlank, athletisch und rasiert sich neben dem Kinn auch Brust und Beine – ein so genannter Twink. Vor einiger Zeit war Butch bei einem alten Freund zum Geburtstag eingeladen. Er ist gebeten worden, Sundance nicht mitzubringen. Nicht, weil Sundance schlechte Manieren hat. Nicht, weil Sundance beim letzten Besuch einen Silberlöffel hat mitgehen lassen. Nicht, weil Sundance ein Charakterschwein sein könnte. Sondern einfach, weil Sundance kein „Bär ist, und das passt einfach nicht zu der Runde, die ich mir wünsche.“

O-haue-ha, da liegt noch ein langer Weg vor uns, und das hat ausnahmsweise mal wenig bis gar nix mit homophoben Spinnern zu tun.


* Wer den Kalauer nicht kennt: Weißer Adler auf weißem Grund.

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7 Antworten auf “Die hohe Kunst der Selbstblockade”

  1. Für mich war es eine ganz neue Erfahrung, auf unserer Hochzeitsreise mit anderen Passagieren von Bernd als von meinem Mann zu sprechen. Und das kam mir leicht und locker über die Lippen, ohne dass ich irgendwelche Hemmungen hatte, das auszusprechen. Wenn mir jemand blöd gekommen wäre, hätte ich vermutlich verbal erbarmungslos zurückgeschlagen.

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    1. „Mein Mann“ habe ich schon vor unserer Hochzeit gesagt, einfach weil er mehr als nur „mein fester Freund“ war. „Mein Partner“ klang mir zu sachlich und unpersönlich, „mein Lover“ erschien mir zu billig. 🙂

      Aber nach der Hochzeit war es während der ersten ein, zwei Wochen dann trotzdem irgendwie neu und ungewohnt.

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      1. Ich hab’s vorher ja auch schon gesagt, aber es war für mich selbst dann irgendwie nicht so richtig. Ich weiss nicht, wie ich es ausdrücken soll – ich sag einfach mal, dass da jetzt mehr Power und Selbstbewusstsein hinter ist.

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  2. Tja… Mit den „Extrawürsten“ und dem „PartyPartyParty-Egoismus“ spricht Du mir aber sowas von aus der Seele. Ich kann die Existenzberechtigung der Szene-Industrie als effizienzsteigernde Maßnahme zur Anbahnung von Kontakten (romantischen und/oder erotischen) verstehen: Wer aktiv auf der Suche ist oder sich gern finden läßt, hat in einer rein schwulen Umgebung wahrscheinlich rein statistisch gesehen halt mehr Chancen als in der U-Bahn.

    Die Wucherungen des „Gay Lifestyle“, mit denen wir in den letzten Jahren zunehmend konfrontiert werden, schießen da aber deutlich übers Ziel hinaus. Das beginnt beim Oktoberfest (sogar hier in Wien gibts einen Billig-Abklatsch davon mit einer ebenfalls kopierten „Rosa Wiesn“) und endet bei der Parade zum CSD, die längst jeden politischen Anspruch verloren hat und zur schwulen Gegenveranstaltung zur Love Parade verkommen ist.

    Ich erinnere mich gut an eine Szene, die sich vor 20 Jahren in einem Yachthafen in Kalifornien abgespielt hat: Ich war mit einem Schulfreund und seiner Schwester 2 Monate im VW-Bus quer durch Amerika unterwegs, vom Atlantik zum Pazifik. Die beiden wußten nicht nur, daß ich schwul war; sie wußten auch von meiner Mitarbeit bei Schwulenvereinen, Beratungsstellen und einer Zeitung für Lesben und Schwule. (Ich war der lebende Beweis für den Spruch „Ein Schwuler, drei Vereine“.) Wir haben den frühen Morgen und die Aussicht auf den wunderbaren Yachthafen genossen, als die Schwester meines Schulfreunds laut losgelacht hat: „Schau das´drüben! ‚Gay and Lesbian Yacht Club‘! Da predigst Du jetzt seit zwei Monaten Akzeptanz und Integration, dabei grenzt Ihr Euch doch nur selbst aus mit diesem Schwachsinn. Wozu muß man als schwuler Mann in einen anderen Yacht Club gehen als als Hetero?“

    Vielleicht gibts zu diesem Yacht Club eine Geschichte; vielleicht war es für Schwule damals wirklich schwer, sich in einem x-beliebigen Yacht Club wohl zu fühlen, keine Ahnung. Aber: Es gibt diese Clubs auch heute noch überall auf der Welt. Und es gibt nicht nur Yacht Clubs, sondern Tennis für Lesben, Unternehmensberatung für Schwule, Oktoberfest für Schwule, Hafengeburtstag für Schwule, Hotels für Schwule…

    Ist das ein Wunsch nach Abgrenzung? *Wollen* so viele Schwule sich von Heteros abgrenzen und nichts mit ihnen zu tun haben? Ich bin mir gar nicht so sicher. Ich glaub, es ist eher eine Geschäftszweig, der sich hier entwickelt, gepaart mit mangelndem Bewußtsein auf seinen der Opfer – äh, Konsumenten. Seit Schwule als kommerziell verwertbare Zielgruppe identifiziert wurden (und ich sag hier bewußt nur „Schwule“ – bei Lesben funktioniert das interessanterweise nicht so gut, die sind intelligenter und haben sich gegen die Überstülpung eines künstlichen „Lifestyle“ erfolgreich gewehrt), gibts eben Freizeitangebote, deren Marketing exakt diese Zielgruppe anspricht. Und es ist nicht für jeden leicht, hinter dem Marketingversprechen „Wir machen etwas für Dich!“ das in Wahrheit gemeinte „Wir machen etwas gegen Deine Interessen!“ zu lesen. Dazu müßte man seine eigenen Interessen kennen… und daran scheiterts in einer Gesellschaft, in der (und jetzt bewundere bitte den Bogen zum ersten Satz) „PartyPartyParty-Egoismus“ überall im Vordergrund steht.

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